Jago, Meister der Lügenpresse

Stefan Diekmann als Nick Walter mit Kamerafrau Aless Wiesemann in der Uraufführung "Das Prinzip Jago".
Stefan Diekmann als Nick Walter mit Kamerafrau Aless Wiesemann in der Uraufführung "Das Prinzip Jago".
Foto: Birgit Hupfeld
Im Schauspiel Essen inszeniert Volker Lösch „Das Prinzip Jago“ als Lehrstück über Populismus und inszenierte Wirklichkeit

Essen..  „Ich bleibe immer jung, denn Zerstören verjüngt.“ Selbstverliebt tänzelt der überragende Stefan Diekmann als Nick Walter durch die Szene, verlässt er die Bühne, mischt sich unters Publikum. „Das Bestehende lege ich in Trümmer, nicht um der Trümmer, sondern um des Weges willen, der sich durch sie hindurchzieht.“ Kameras folgen dem Narziss, der für einen Moment wirkt wie eine unberechenbare Dreieinigkeit aus Stromberg, Mephisto und Rumpelstilzchen, auf Schritt und Tritt, übertragen die Bilder live und in HD auf Videowände. Dann ein kurzes Innehalten, ein selbstironischer Bruch in der Dramaturgie: „Ich glaube, ein Othello wird das nicht mehr“.

In der Tat steht Shakespeare nur insoweit auf dem Plan, als dessen über vier Jahrhunderte altes „Prinzip Jago“ neu verhandelt wird. Von dem aktuell wohl populärsten Versuch, den berühmtesten Intriganten und Manipulator der Weltliteratur aus dem frühbarocken Venedig ins 21. Jahrhundert zu holen, unterscheidet sich der von Volker Lösch (auch Regie), Oliver Schmaering und Ulf Schmidt entwickelte Essener Jago dabei deutlich. Im Gegensatz zu Frank Underwood (Kevin Spacey) in der Netflix-Dramaserie „House of Cards“ hat Nick kein Ziel, keinen Plan. „Ich habe wenig Bedürfnisse, und mein geringstes ist zu wissen, was an Stelle des Zerstörten treten soll.“ Er will nichts aufbauen, nicht einmal sich selbst, agiert nur spontan und ergebnisoffen.

Das elegante Holzpodest (Ausstattung Carola Reuther), hinter dem sich eine riesige grüne Wand ausbreitet, wird zum Studio des fiktiven Essener TV-Senders „1 West“. Moderatorin Susanne Weibel (Ines Krug) verliest am News Desk die neuesten Nachrichten, per Green-Screen-Technik werden Filmchen und Bilder (Erdogan nach dem Putschversuch) eingeblendet. Wenn der Sender wenig später die Auszeichnung mit einem Fernsehpreis für investigativen Journalismus feiert, eine Glückwunsch-Botschaft von Ministerpräsidentin Kraft verlesen wird, wenn Chefredakteur Sonntag (Thomas Büchel) ein flammendes Plädoyer gegen den Mainstream-Journalismus hält, dann scheint die Medienwelt in bester Ordnung.

Das Verhängnis nimmt seinen Lauf, als Sonntag die freie Stelle des Chefs vom Dienst nicht mit seinem alten Kumpel Nick Walter, sondern mit Susanne Weibel besetzt. Nick sinnt auf Rache. Den Hebelansatz für seine Intrigen findet er vor der Studiotür, bei den Flüchtlingen und Asylsuchenden in Essen; als Hilfsmittel braucht er nicht viel mehr als ein Smartphone mit Twitter-Account. Immer wieder tritt Nick – wie Frank Underwood – aus der Rolle, erläutert er dem Publikum seine nächsten oder bereits erfolgreichen Schachzüge. Ein kurzer Tweet, und schon ist der Shit-Storm in den „sozialen“ Medien entfacht. Ein paar inszenierte Vorfälle durch Aushilfsreporter Ben Sützl (Thomas Meczele) sorgen für zweifelhafte „Breaking News“ und „Live-Schaltungen“ zu Essener Straßen und Plätzen, wie man sie in dieser Perfektion und Dynamik auf einer Stadttheater-Bühne noch nicht gesehen hat. Ein dringender Rat an Weibel und Sonntag, aus Gründen der Deeskalation und im Interesse der Bürger unvoreingenommen auch „kritische Stimmen“ zu Wort kommen zu lassen, bleibt nicht ohne Wirkung. Petra Bolz (Silvia Weiskopf), eine Essener Frauke Petry, wird mehr und mehr hoffähig. Spekulationen werden zu Nachrichten. Nick manipuliert Mitarbeiter und Bürgermeister (Jan Pröhl), bugsiert alle bis auf die vergebens um ethisch einwandfreien Journalismus kämpfende Chefreporterin Anja Luhmann (Jaela Carlina Probst) in ausweglose Situationen. Jeder nächste Schritt, jede Entscheidung kann nur falsch sein. Mit fatalen Folgen für Sender und Stadt.

Jago-Macher und das fantastische Ensemble wurden nach dem knapp dreieinhalb Stunden kurzen Bühnenereignis stürmisch gefeiert.

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