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Ist das Wort "Flüchtling" auf dem Weg zum Schimpfwort?

05.02.2016 | 18:48 Uhr
Ist das Wort "Flüchtling" auf dem Weg zum Schimpfwort?
Wort des Jahres 2015Foto: Arne Dedert

Essen.  Wenn "Flüchtling" nicht reserviert ist für Menschen, die vor Krieg und anderen Katastrophen fliehen, läuft es Gefahr, zu einem Schimpfwort zu werden.

„Flüchtlinge“ – selten war eine Wahl zum Wort des Jahres so unumstritten wie Mitte Dezember 2015, als die Gesellschaft für Deutsche Sprache dieses Wort aus rund 2500 Vorschlägen zum prägenden des beinahe abgelaufenen Jahres kürte. Es war das einzige Mal seit 1990 („die neuen Bundesländer“), dass eine Pluralform zum Wort des Jahres wurde. Und es lag nahe: ein einzelner Flüchtling hätte Gesellschaft und Geschichte des Jahres nicht so prägen können wie es die Hunderttausenden taten, die da kamen.

Doch in der Pluralform liegt auch eine Tücke. „Flüchtlinge“ ist der kleinste gemeinsame Nenner, unter dem man Menschen zusammenfasst, die aus unterschiedlichen Beweggründen ihre Heimat verlassen. Es gibt die Kriegsflüchtlinge, die unmittelbar Schutz suchen vor den Kampfhandlungen im Irak und in Syrien. Es gibt Kriegsflüchtlinge, die aus den Flüchtlingslagern in Jordanien, im Libanon und in der Türkei aufbrechen, weil sie weder dort eine Perspektive für sich sehen – noch daran glauben, dass sie bald in ihre Heimat zurückkehren können.

Unter „Flüchtlingen“ versteht man aber auch die Menschen aus Zentral- und Nordafrika, die sich aus den unterschiedlichsten Beweggründen auf den Weg nach Europa machen: Vom Fischer der Elfenbeinküste, dem chinesische und europäische Trawler Existenzgrundlage und Lebensmittel nehmen, bis zum Jugendlichen aus Marokko oder Algerien, den das vermeintlich leichte, süße Leben in Europa mindestens so sehr lockt wie ihn die Perspektivlosigkeit daheim davontreibt.

Asylant – Abwertungs-Endung

Spätestens seit den Massen-Übergriffen in der Kölner Silvesternacht dürfte klar sein, dass man besser daran täte, zwischen kriminellen Ausländern, Arbeits- und Wirtschaftsmigranten und Flüchtlingen zu unterscheiden. Sie alle Flüchtlinge zu nennen, könnte am Ende dazu führen, dass der Begriff noch eine Karriere vom Wort zum Unwort des Jahres macht.

Einen solchen Abstieg hat innerhalb eines knappen Jahrzehnts auch das Wort „Asylant“ erlebt. 1980 landete es bei der Wahl zum Wort des Jahres noch auf dem zweiten Platz (hinter „Rasterfahndung“). Ende der 80er-, Anfang der 90er-Jahre aber erlebte es in einer hysterischen „Das-Boot-ist-voll“- Debatte eine radikale Abwertung; Demagogen unterstellten, dass es so gut wie allen Asylbewerbern lediglich um eine Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage ging. „Asylant“ wurde durch penetrante Wiederholung zum Schimpfwort, in dem gleich die Unterstellung enthalten war, sich das Asyl zu Unrecht erschlichen zu haben. Die Endung „-ant“, die eigentlich nicht unbedingt eine Abwertung bedeutet („Praktikant“, „Diskutant“, Aspirant“), schien genau diese Abwertung zu verstärken. So sehr, dass bald immer nur noch vom sachlich-neutral klingenden „Asylbewerber“ die Rede war – absurder Weise sogar in solchen Fällen, in denen der Asyl-Anspruch eines Bewerbers bereits gerichtsfest anerkannt war.

Wenn also das Wort „Flüchtling“ nicht reserviert bleibt für Menschen, die vor Krieg und anderen Katastrophen fliehen, läuft es Gefahr, ebenfalls zu einem Schimpfwort zu werden – so wie es Anfang der 50er-Jahre schon einmal war, als den Menschen aus den ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reichs, die oft mittellos in den Westen geflohen waren und über den „Lastenausgleich“ für Verluste entschädigt wurden, genau dies geneidet wurde. Zumal schon das Wort selbst ein gewisses Schimpfwortpotenzial bietet: die Nachsilbe „-linge“ gilt unter Sprachwissenschaftlern tendenziell als „Pejorativsuffix“, als Abwertungs-Endung, wie beim „Lehrling“ oder „Schädling“.

Jens Dirksen

Kommentare
07.02.2016
17:42
Ist das Wort "Flüchtling" auf dem Weg zum Schimpfwort?
von Moderation | #23

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Ist das Wort "Flüchtling" auf dem Weg zum Schimpfwort?
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2016-02-05 18:48
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