Internet - ein Segen für junge Menschen, sagt Sibylle Berg

Sibylle Berg hat für das Consol Theater in Gelsenkirchen das Stück „Mein ziemlich seltsamer Freund Walter" geschrieben.
Sibylle Berg hat für das Consol Theater in Gelsenkirchen das Stück „Mein ziemlich seltsamer Freund Walter" geschrieben.
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Was wir bereits wissen
„Mein ziemlich seltsamer Freund Walter“: Die Autorin hat im Auftrag der Kunststiftung NRW ein Jugend-Stück für das Gelsenkirchener Consol-Theater geschrieben. Es wird am 9. November uraufgeführt. Ein Gespräch Kindheitstraumata, Internet-Glück und DDR-Nostalgie.

Gelsenkirchen.. In Romanen und Theaterstücken widmet sich Sibylle Berg (52) vor allem dem Unglück, in das die Menschen immer wieder gnadenlos rennen. Erstmals schrieb die in Weimar geborene, in Zürich lebende Schriftstellerin nun das Stück „Mein ziemlich seltsamer Freund Walter“ für junge Menschen ab Neun, eine Auftragsarbeit der Kunststiftung NRW. Die Uraufführung findet am 9. November am Consol Theater in Gelsenkirchen statt. Elisabeth Höving sprach mit Sibylle Berg über Kindheitstraumata, Internet-Glück und DDR-Nostalgie.

Ihre Werke sind eher auf den Abendspielplänen der Theater oder in den Bücherregalen von Erwachsenen zu finden. Hat Sie der Auftrag für ein Jugendtheaterstück überrascht?

Sibylle Berg: Ja, sehr. Ich musste auch einen Moment überlegen vor der Zusage, ich will ja alles gut machen. Für Kinder unter fünf hätte ich mir nicht zugetraut zu schreiben, in deren Welt kenne ich mich einfach nicht aus.

Worum kreist das Stück?

Es geht um ganz Existenzielles und Universelles, um Einsamkeit, um Außenseitertum, um Vernachlässigung, auch um Mobbing. Als Kind bist du ganz schnell ausgeschlossen und die Auswirkung ist immer die gleiche: Du zweifelst elementar an dir. Aber das Spiel ist keine Tragödie: Es wird ein Happy End geben! Es soll doch für Kinder eine Hoffnung haben.

Was hat Sie zu der Geschichte inspiriert?

Ach, es brauchte einfach nur ein wenig Konzentration auf das, was früher mal war. Es galt zu erforschen: Wie sah die Welt damals für mich aus?

Und wie sah die aus?

Ich war hilfloser. Am furchtbarsten fand ich: Du weißt viel, aber du bist abhängig von Erwachsenen, die zufällig mit Dir verwandt sind. Ja, ich habe mich als Kind als Außenseiter empfunden, ich war extrem schüchtern, unsicher. Über glückliche, behütete Kinder hätte ich nicht schreiben können. Ich habe keine Ahnung, wie es glücklichen Kindern geht. Das Internet empfinde ich als Segen, ich wünschte, das hätte es damals schon für mich gegeben!

Wie hätte Ihnen als Jugendliche das Internet helfen können?

Ich hatte früher das Gefühl, das mit mir etwas nicht stimmen müsste. Online hätte ich schnell herausfinden können, dass ich nichts Besonderes bin, dass viele denken, nicht perfekt zu sein.

Ihre Heldin findet Hilfe bei einem Außerirdischen, ihrem ziemlich seltsamen Freund. Mit ihm wird das Leben leichter. Was bedeutet Ihnen Freundschaft?

Ich bin nicht irrsinnig gesellig. Privat bin ich ein eher langweiliger Mensch. Ich pflege weniger Freundschaften, aber meine Freunde pflegen mich.

Was haben Sie als Kind gelesen?

Edgar Allan Poe! Meine Mutter war Bibliothekarin, da habe ich den Stoff genommen, der gerade da war. Heute lese ich vor allem Sachbücher, Zukunftsforschung, Transhumanismus, Finanzpolitik, die wunderbaren Sekunden, in denen ich glaube, die Welt zu verstehen. Wenn ich heute jung wäre, würde ich vermutlich IT-Expertin werden.

Wie sieht Ihre „Dichterwerkstatt“ in Zürich aus?

Ich arbeite ab halb sieben am Morgen, bis sieben abends. Immer an verschiedenen Projekten parallel. Der Schlüssel, um vom Schreiben leben zu können, ist frettchenhaftes Arbeiten.

Sie sind in Weimar aufgewachsen. Kennen Sie das Ruhrgebiet?

Am Bochumer Schauspielhaus hatte ich 2000 meinen wunderbaren Start. Ein großes Glück, dass ich heute mit dem Ruhrgebiet verbinde. Danke. Ruhrgebiet! Ich hatte Freunde in Duisburg, war oft in Mülheim. Philip Boa ist aus Dortmund. Ich habe mich hier immer wohl gefühlt, auch, weil die Menschen keine Small-Talker sind. Die Region erinnert mich an den Osten.

25 Jahre nach dem Mauerfall macht sich eine gewisse DDR-Nostalgie breit. Haben Sie Verständnis dafür?

Nein, habe ich unbedingt nicht. Das war ein furchtbares System und ein Verrat an der guten Idee des Kommunismus. Die DDR, das war Hoffnungslosigkeit mal Tausend. So kann man mit Menschen nicht umgehen.

Woran arbeiten Sie zurzeit?

Parallel an vielen Dingen, ein neues Stück für das Berliner Gorki Theater, dann werde ich im nächsten Jahr erstmals selbst inszenieren und bereite meine Lesetour vor für mein neues Buch vor, das im Februar erscheint. Es dreht sich um die um die Frage, wie es möglich ist, für immer mit einem Partner zusammenzubleiben, ohne fremdzugehen. Ich habe keine Antwort gefunden.

Termine: 9. November, 15 Uhr. 11./12. November, jew. 10.30 Uhr. Info: www.consoltheater.de