Intensität am Rande des Erträglichen

Schweigen, selbst ein beredtes, erzeugt eine Leere. Der Vater schwieg vom Krieg, und der Sohn macht sich Jahrzehnte später seinen Reim darauf: „Im Frühling sterben“ heißt der neue Roman von Ralf Rothmann, ein der Wahrheit angenäherter Lebensbericht. Denn, so steht es im ersten Satz: „Das Schweigen ist ein Vakuum, das das Leben irgendwann von selbst mit Wahrheit füllt.“

Fünf Seiten nur braucht Rothmann, um in so schlichten wie persönlichen Sätzen das Porträt eines Mannes zu zeichnen, der nach 30 Jahren unter Tage „zerarbeitet, früh verrentet und vor Scham darüber zum Alkoholiker geworden“ war. Der zuletzt nicht viel mehr verlangte als seine Zeitung und den neuesten Jerry-Cotton-Roman. Und, als ihm die Ärzte 1987 das Sterben ankündigten, „ein wenig öfter als sonst“ sein Lieblingsessen: „Bratkartoffeln mit Rührei und Spinat“. Der „hochanständige“, stets sorgfältig gekleidete Bergmann aus Oberhausen-Tackenberg, „ein eleganter Arbeiter“, dessen Leben mit nur 60 Jahren endet – vielleicht nimmt hier, in der Vaterfigur, das typische Rothmannpersonal seinen Anfang. Auch im einfachen, bodenständigen Leben des Vaters gibt es diese Momente des Existenziellen, Schicksalhaften – die diesmal nicht einen tristen Alltag durchbrechen, sondern den Irrsinn des Krieges.

In einen Hinterhalt geraten

Walter Urban, wie Rothmanns Vater aus Essen zur Melker-Lehre nach Norddeutschland gegangen und noch keine 18 Jahre alt, gerät im Februar 1945 in einen Hinterhalt: Der Reichsnährstand lockt mit Freibier, nur um die Betrunkenen zwangsweise zur Waffen-SS einzuziehen. Mit dabei ist sein Freund Fiete Caroli, Gymnasiast, Träumer: „Komm, lass uns sterben gehen“, sagt er zu Walter. Nach dreiwöchiger „Grundausbildung“ geht es gen Ungarn, „wir sind kräftiges Frischfleisch“, meint Fiete, „und werden an den Feind verfüttert, wenn wir nicht türmen“.

Wie nähert man sich einem Schrecken, den man nicht selbst erlebt hat? Rothmann bettet Blut und Tod ein in Landschaften und hingetupfte Naturimpressionen und erreicht so eine Intensität, die am Rand des Erträglichen balanciert. Die rostigen Zangen, mit denen toten jüdischen Zwangsarbeitern die Goldzähne gezogen werden, die Stricke um den Hals unschuldiger Bauersfamilien aber reichen doch nicht an das eigentliche Drama heran, das Rothmann mit einem Bibelzitat schon auf den ersten Seiten andeutet: eine Geschichte wie die von Kain und Abel, ein Brudermord (nur ohne Eifersucht). Denn Fiete türmt ja wirklich, versucht es jedenfalls, wird geschnappt – und soll erschossen werden. Von seinen eigenen Kameraden. Darunter Walter.

Sie wissen: Danach werden die Einschusslöcher in Fietes Brust gezählt werden. Hat ein Kamerad daneben gezielt, müssen alle sterben.

Version eines Traumas

Rothmann füllt das Vakuum mit seiner Version eines Traumas, dem kein Leben gewachsen wäre; erschütternd wirkt diese Einsicht, wo doch solche Traumata tausendfach erlitten worden sind. Was dies mit den Nachgeborenen macht, auch diese Frage stellt der Roman: Wenn Fiete alpträumt, erschossen zu werden, weil sein Vater den Kugeln nur knapp entkam. Dann bewahrheitet sich ein biblisches Wort, das dem Roman vorangestellt ist: „Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden.“ Rothmann hat einen Kriegsroman geschrieben, der aus dem Schweigen entstand. Und er stellt eine Frage, die wir nur demütig schweigend beantworten können: Was hätte ich getan?