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"Top Dogs" – In Sekunden vom Rauswerfer zum Rausgeworfenen

28.02.2016 | 16:59 Uhr
"Top Dogs" – In Sekunden vom Rauswerfer zum Rausgeworfenen
Jan Pröhl, Axel Holst, Ines Krug und Thomas Meczele in den Essener „Top Dogs" von Urs Widmer in der Regie von Christoph Roos.Foto: Martin Kaufhold

Essen.   Ironischer Biss, satirische Verve: Urs Widmers Managertherapie „Top Dogs“ höchst kurzweilig am Essener Grillo-Theater

Die Führungselite geht auf Socken. Obenrum tragen die ehemaligen Leistungsträger noch Nadelstreifenanzüge wie eine alte Uniform, die man ungern ablegt. An den Füßen aber können wir sie gleich erkennen, die Restrukturierer und Rationalisierer von einst, nun selbst zu Müßiggang verdonnert. Nur Herr Deer (herrlich renitent: Thomas Büchel) stolpert anfangs noch in Straßenschuhen ins Outplacement-Büro, wo die geschassten Manager für ihre berufliche Weiterverwertung fit gemacht werden, und schwadroniert mit Arbeitnehmerstolz von seiner Firma wie von einem Zuhause. Klarer Fall von Realitätsverweigerung, die dem Mann in 100 kurzweiligen Minuten ausgetrieben wird: „Top Dogs“ von Urs Widmer in der pointierten Regie von Christoph Roos im Grillo-Theater.

1996 uraufgeführt, hat die Vorlage über Manager und ihren tiefen Fall immer noch ironischen Biss und sattes Rollenfutter für ein exzellent aufgelegtes Ensemble. Zwei Frauen, vier Männer, eine Extremsituation: Die Kündigung hat die Marketingchefin oder den Work-Life-Balance-Beauftragen nicht nur von der Karriereleiter, sondern in eine tiefe Sinnkrise geschubst. Herr Krause kann keine Tiefgarage mehr betreten, weil er sich den Kopf nach dem Rauswurf an einem Garagenpfeiler blutig geschlagen hatte. Und die selbstsichere Frau Wrage hat diesen sauteuren Karibikurlaub nach der Entlassung nur im Hotelzimmer verbracht.

Harter Hund und getretener Köter

So knacken die Seelenpanzer dieser Fassadenmenschen allmählich auf, treten verdrängte Träume, Ängste und Aggressionen an die Oberfläche, von der Inszenierung immer wieder mit satirischer Verve, ironischer Leichtigkeit und wenigen begrifflichen Aktualisierungen geschickt gebrochen. Der Heinrich Krause von Axel Holst stürzt ohne Umwege vom Führungsgipfel ins Tal der Tränen. Seine wüsten Tiraden zerhackt er mit Ticks und fortschreitender Verzweiflung, die sich in ei­nem grotesken Entlassungs-Pogo entlädt. Jan Pröhl hat den harten Vorstands-Hund mit Kriegsrhetorik genauso souverän drauf wie den getretenen Köter. Vom Rauswerfer zum Rausgeworfenen in Sekunden. Und Ines Krug kann ihrer smarten PR-Expertin auch im Hosenanzug (Kostüme: Anne Koltermann) den Sexappeal der Marketing-Mächtigen abtrotzen. Auf der watteweißen, unmöblierten Bühne von Peter Scior geht es dabei zu wie im richtigen Arbeitslosenleben: Da ist nichts mehr zum Festhalten. Statt Meetings leitet die patente Frau Jenkins (Silvia Weiskopf) Rollenspiele, in denen statt Börsenkursen nun verkümmerte Sozialkontakte Thema werden.

Allerdings ist die Gattin von Herrn Müller (Sven Seeburg) jetzt in der Psychiatrie und die „Maus“ vom schnöseligen Fitnessprofi Neuenschwander (schön alert: Thomas Meczele) spielt auch nicht mit. Am Ende bleibt den Karrierekriegern, denen ihr kapitalistischer Einsatzbefehl abhanden gekommen ist, die Utopie vom besseren Menschen, die Widmer wie eine Erlösungsfantasie herbeizitiert. – Großer Applaus.

Martina Schürmann

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2016-02-28 16:59
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