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Holzschnitt-Genie

In Deutschland ein Weltstar - HAP Grieshaber

14.02.2009 | 00:27 Uhr

Recklinghausen. Er wird in diesem Jahr von Museen und Galerien gefeiert. Von Berlin über Weimar, Münster und Mainz bis ins schwäbische Reutlingen. Auch Bochum und Recklinghausen feiern den 100. Geburtstag des Holzschnitt-Genies HAP Grieshaber mit Ausstellungen.

HAP Grieshabers "Engel" aus dem Jahr 1953 ist zurzeit in Bochum zu sehen.(Abb.Museum)

Er hätte ein Weltstar werden können, sagte einmal ein großer Kenner und Freund von HAP Grieshaber - "wenn er sich nicht selbst im Weg gestanden hätte". Grieshaber grämte sich sogar über seine Vornamen. Briefe unterschrieb er ganz ohne sie, ansonsten zog er Helmut Andreas Paul zu jenem Kürzel zusammen, das zum buchstäblichen Markenzeichen für den größten deutschen Holzschnitzer des 20. Jahrhunderts werden sollte. Heute gehört er zu jenem gewohnten Inventar der Kunstwelt, das man kennt, ohne es noch so recht zu sehen. Für große Grieshaber-Ausstellungen braucht es schon einen Anlass, und so wird er in diesem Jahr von Museen und Galerien gefeiert, von Berlin über Weimar, Münster und Mainz bis ins schwäbische Reutlingen, wo sein riesiger Nachlass lagert. Denn am 15. Februar vor 100 Jahren wurde der Mann, der mit Schneidemesser und Stecheisen nach einer Welt mit menschlichem Antlitz strebte, im oberschwäbischen Rot an der Rot geboren.

Dort in der Nähe, auf der einsamen Achalm, hat Grieshaber den größten Teil seines Lebens verbracht, ein weltläufiger Einsiedler. Der gelernte Buchdrucker und Schriftsetzer studierte erst in Stuttgart und ab 1928 in London (wo er als Grafiker auch bei der "Vogue" arbeitete) und später in Paris, er reiste nach Ägypten und Griechenland. 1933 nach Deutschland zurückgekehrt, hielt er sich als Hilfsarbeiter und Zeitungsbote über Wasser, die Nazis hatten ihn mit Berufsverbot belegt. Und doch: Mit seinen heimlich entstandenen "Reutlinger Drucken" findet Grieshaber zum Holzschnitt, der ihn nie mehr loslässt - und den er so weit vorantreibt, dass sich in den 80er und 90er Jahren noch die "Neuen Wilden" von Penck bis Immendorff eine Scheibe davon abschneiden.

So wurde der eher kleine, drahtige Mann zumindest in Deutschland ein Weltstar. Seine dankbar gefeierten Holzschnitte schrieben eine Kunst fort, die von den Nazis durch künstlerisch verbrämte Heldenbarbarei ersetzt wurde. Mit Grieshaber kehrte der Mensch, kehrt die Menschlichkeit zurück in den Mittelpunkt der Kunst. Zeitlebens hielt dieser Abstrakte am Figürlichen, Kreatürlichen fest, und doch verkörperte er so viel Moderne, dass er zum Fixstern der ersten drei "documentas" in Kassel wurde. Selbst für die abstraktionsgläubige Künstlergruppe "junger westen" im Ruhrgebiet war er d i e Vaterfigur, er bekam ihren Kunstpreis, seine Arbeiten sorgten dafür, dass ihre Jahresausstellungen bundesweit zur Kenntnis genommen wurden. 1968 bekommt Grieshaber schließlich in Recklinghausen den Kulturpreis der Gewerkschaften - und überlässt dem Museum ein großes Konvolut von Plakaten.

So verbeugt sich nun auch die Kunsthalle Recklinghausen mit 100 ausgestellten Arbeiten vor dem Jubilar - eine schöne Gelegenheit zum Hinsehen und Staunen. Über Farben wie Chromoxidgrün und Indiengelb, Waschblau und Pompejanischrot, über Russischgrün und Englischrot. Farben, die oft mit 16 verschiedenen Druckplatten nacheinander aufs Blatt kommen und so dem Tanz der Linien Raum geben.

Geschichten bis zur Überfülle

Es sind Holzschnitte, die von Gefühlen singen und der ungestillten Sehnsucht nach dem Paradies, die Farbe bekennen (auch zum geteilten Deutschland) und große Geschichten erzählen. Bis zur Überfülle. Wer sich konzentrieren will, wird in der "Baumblüten"-Folge schwelgen, die aus dem Folkwang Museum ausgeliehen ist - zauberschöne, verspielte Drucke, einer sommerfrischer als der andere.

Und auch das Museum Bochum zeigt ab morgen in der Außenstelle Haus Kemnade Grieshaber-Perlen, vor allem intime Arbeiten wie die Künstlerbriefe an den Schriftsteller Hugo-Ernst Käufer. Überhaupt bekam alle Welt Post vom Einsiedler aus Oberschwaben, der gegen Diktatoren in Chile und Griechenland agitierte und manchmal auch für die SPD. Vielleicht war es ja doch die Welt, die Grieshaber zeitlebens im Weg stand. (NRZ)

  • Kunsthalle Recklinghausen: Grieshaber 100.
  • Bis 13. April
  • Museum Bochum im Haus Kemnade

Jens Dirksen

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