In der Werkstatt der Zukunftsbilder

Dortmund..  Der stets dankbar zwischen alle Fronten geratende Michel Houellebecq hat ja nicht nur den Islamismus genutzt zu provozieren, mit dem viel diskutierten Roman „Unterwerfung“ etwa. Schon 2005 malte das Enfant terrible der französischen Literatur mit seiner finsteren Utopie „Die Möglichkeit einer Insel“ eine Zukunft aus, die unsere Gegenwart in einem grellen Licht erscheinen lässt.

Nils Voges hat den Roman nun mit seinem Künstlerkollektiv „Sputnic“ in ein Bühnenereignis verwandelt, das dem Dortmunder Schauspielhaus einmal mehr eine einzigartige Inszenierung verschafft hat – das Premierenpublikum stand am Samstagabend schier Kopf und spendierte einen Endlosbeifall mit zeitweiligen Klatschmarschtendenzen.

Kannibalen und „Neo-Menschen“

Das Stück ist eine großartige Melange aus Drama, Performance und Trickfilmherstellung auf offener Bühne. Bettina Lieder, Andreas Beck, Frank Genser und Merle Wasmuth stehen, in schwarze Science-Fiction-Gewänder mit roten Paspeln gekleidet, an durchsichtigen Schneidetischen. Sie wechseln oft die Rollen, sprechen auch mal im Chor. Vor allem aber produzieren sie (und manchmal auch ferngesteuerte Kameras auf der Bühne) jene Bilder, die in den nächsten anderthalb Stunden auf der großen Leinwand im Bühnenhintergrund zu sehen sein werden, als fast kindlich bis grob animierter Film, dessen Handlung von den vieren zugleich erzählt wird.

Wir sind im Jahr 4014, und die Menschheit ist zweigeteilt. Draußen leben, äußerst primitiv, die letzten durch natürliche Fortpflanzung entstandenen Männer und Frauen in den Ruinen der einstigen Zivilisation. Der Kampf um die letzten Ressourcen führt zum Recht des Stärkeren, Kannibalismus ist an der Tagesordnung. In einsamen Enklaven hingegen führen jene „Neo-Menschen“ eine triste Existenz, die durch Klonen entstanden und durchnummeriert sind. Daniel24, den wir zunächst hören, wird im Laufe des Stücks dahinscheiden und nahtlos durch Daniel25 ersetzt werden. Beide erinnern sich an ihren Urahn, den zynischen Comedian Daniel1 und seine Geschichte, die ihn durch zwei große, aber unglückliche Lieben führen wird; am Ende landet er bei den „Elohimisten“, einer bizarren Sekte. Deren Unterdrückungs- und Ausbeutungspraktiken sind nur einer von vielen satirischen Zügen dieser Live-Trickfilmherstellung.

Überzeugendes Zeitbild

Überhaupt haben Voges, Sputnic und das über ein Dutzend Köpfe zählende Produktionsteam Houellebecqs schillernden Roman vereindeutigt. Es ist fast nichts geblieben von dessen klebriger Spekulation, wenn es um Sex, Pornografie und Gewalt geht. So entsteht ein rundum überzeugendes Zeitbild des Jahres 2015. Gesellschaftliche Neurosen wie der grassierende Jugendwahn, Esoterik-Moden und die Forderungen nach sozialverträglichem Frühableben sind drastisch in die Zukunft verlängert, ihre Inhumanität ist zur Kenntlichkeit entstellt. Am Ende steht die Selbstermächtigung des Individuums, sein lebensgefährlicher Ausgang aus der selbstverschuldeten Unbeweglichkeit, ein großes „Alpha“ zeugt vom Anfang einer Menschwerdung mitten in der Endzeitdämmerung.

Das alles aber wird mit Distanz und Heiterkeit ausgebreitet. Es ist eine „Making of“-Story, und diese archaisch anmutende Erzählweise, die sich so paradox zum Stoff zu verhalten scheint, wirkt wie die einzig angemessene. Heraus kommt ein großer, faszinierender Theater-, Film-, Philosophie- und Weltspiegelungsabend. Und dass er so lang ist wie ein üblicher Spielfilm, kommt ja auch nicht von ungefähr.