Das aktuelle Wetter NRW 3°C
Theater

Im Mühlrad der Geschichte - Handkes "Immer noch Sturm"

20.05.2012 | 19:01 Uhr
Im Mühlrad der Geschichte - Handkes "Immer noch Sturm"
„Immer noch Sturm" von Peter Handke in der Inszenierung des Hamurger Thalia-Theaters. Foto: Armin Smailovic

Mülheim/R.  In Mülheim/Ruhr sind die 37. „Stücke“-Tage mit einer Dramatisierung von Peter Handkes „Immer noch Sturm“ angelaufen. Bis zum 7. Juni wird wieder das beste neue Stück des Jahres aus dem deutschsprachigen Raum gesucht.

Die Situation der deutschen Bühnen ist nicht rosig. Aber die der Stückeschreiber ist geradezu prekär. Theaterregisseure greifen immer häufiger zu Filmstoffen, da stehen nicht mal Til Schweigers „Keinohrhasen“ unter Artenschutz. Gern werden auch alte Romane auf die Bühne gewuchtet, möglichst dickleibige von Tolstoi, Dostojewski, Thomas Mann. Und Klassiker von „Faust“ bis Shakespeare sind ohnehin beliebter als jedes Gegenwartsstück – sie sind nun mal die besseren Steilvorlagen für Regietheater, weil dessen Eingriffe hier viel besser auffallen.

Doch auch neue Stücke werden ja fast nie vom Blatt weg inszeniert. Roland Schimmelpfennig, der sich hierzulande am ehesten auf das versteht, was im Angelsächsischen als „Well made play“ gilt, hat einmal beklagt, dass in den Inszenierungen seiner Stücke garantiert ein Jeep oder ein U-Boot auf die Bühne komme, wenn sein Text einen Tisch erfordere. Er müsse dann von einem Jeep oder einem U-Boot schreiben, damit ein Tisch auf der Bühne stehe.

Bei den diesjährigen Mülheimer „Stücke“-Tagen aber, die nun einmal mehr das beste neue deutschsprachige Stück des letzten Jahres ermitteln wollen, kann Schimmelpfennig unbesorgt sein. Zum einen führt er bei seiner jüngsten Arbeit „Das fliegende Kind“ selbst Regie, zum anderen versammeln die „Stücke“ ja stets die Uraufführungen, die sich denn doch durch weitgehende Texttreue auszeichnen.

Im Falle von Peter Handkes „Immer noch Sturm“, mit dem die „Stücke“ am Samstag in der Mülheimer Stadthalle eröffnet wurden, zeigt sich allerdings, dass die Uraufführung nicht immer die erste Wahl sein muss. Dimiter Gottscheff hat Handkes Text, der zwar ein Personenverzeichnis aufweist, ansonsten aber wie ein Roman daherkommt, mit dem Hamburger Thalia Theater für die Salzburger Festspiele über vier Stunden lang in Szene gesetzt: Ein Ich erinnert sich und grübelt über seine Vorfahren im slowenischen Kärnten der 30er, 40er Jahre, einfache Dörfler, die im Mühlrad der Geschichte zermahlen werden, unter der Nazi-Herrschaft vor allem, aber mit deren Ende hört das Entfremden vom Eigenen nicht auf.

Die „Stücke“ in Mülheim

Die weiteren Inszenierungen: „Käthe Hermann“ von Anne Lepper (lief gestern Abend)

„Vater, Mutter, Geisterbahn“ von Martin Heckmanns (27./28. Mai, Stadthalle, 19.30 Uhr),

„Das fliegende Kind“ von Roland Schimmelpfennig (Stadthalle, 30. Mai, 19.30 Uhr)

„Reicht es nicht zu sagen ich will leben“ von Claudia Grehn und Darja Stocker (4./5. Juni, Ringlokschuppen, 19.30 Uhr)

„Das Ding“ von Philipp Löhle (6./7. Juni, Theater an der Ruhr, 19.30 Uhr)

Von Anfang bis kurz vor Schluss rieseln unaufhörlich grüne Schnipsel aus dem Bühnenhimmel, und dieses stille Bild für die verrieselnde Zeit, für den ewigen Herbst hätte genügt. Doch es wird aufgedreht, theatralisch aufgedonnert mit Volksmusik und vehementem Schauspiel, mit einem Deutschlandlied aus Lachern und bedrohlichem Trommeln. So wird behauptet, wo Handkes Text nur fragt, tastet, mäandernd sucht. Alles Theatralische lenkt nur ab von der Wortmusik, die den Sätzen innewohnt. Und spätestens im Schlussmonolog wird klar, dass diese poetische Geschichtsopfersuche nicht über vier Bühnenstunden trägt.

Drei weitere Inszenierungen

Inzwischen gibt es, in Karlsruhe, Nürnberg und ausgerechnet in Mülheim, drei weitere Inszenierungen des Stoffs. Und in Roberto Ciullis Fassung fürs Theater an der Ruhr leuchten Handkes Worte viel intensiver, durch größere Zurückhaltung, durch stärkere Kürzungen. Hier ist zu sehen, zu hören, warum man Handke durchaus zu den Favoriten für den Mülheimer Dramatikerpreis zählen muss, der am 7. Juni vergeben wird.

Jens Dirksen



Kommentare
22.05.2012
02:51
Im Mühlrad der Geschichte - Handkes
von mikerol | #1

Links zu Sammlungen der Rezensionen und Auffuehrungsbilder


http://handke-drama.blogspot.com/2011/08/background-material-for-still-storm.html

main discussion page
http://handke-drama.blogspot.com/2011/08/handke-immmer-noch-sturm-still-storm.html

http://handke-drama.blogspot.com/2011/08/still-storm-introductory-thoughts-on.html

http://handke-drama.blogspot.com/2011/08/directors-view-of-forever-storm.html

SAMMLUNG BEIHNAHE ALLER REZENSIONEN/ REVIEWS
http://handkerevista-of-reviews.blogspot.com/2011/08/immer-noch-sturm-still-storm-stormy.html

SAMMLUNG VON PHOTOS DER URAUFFUEHRUNG
BEI DEN SALZBURGER FESTSPIELEN.

https://picasaweb.google.com/106505819654688893791/IMMERNOCHSTURMPHOTOSFOREVERSTORM


http://handke-drama.blogspot.com/2010/05/index-page-for-this-and-all-other.html


http://www.facebook.com/mike.roloff1?ref=name

Aus dem Ressort
Kevin Kline erbt ein Haus - und eine alte Lady noch dazu
Komödie
"My Old Lady" trumpft vor allem mit starken Schauspielern auf: mit Maggie Smith und Kevin Kline sind zwei Oscarpreisträger am Start, dazu die konstant gute Kristin Scott Thomas. Der Rest ist schnell erzählt: Amerikaner erbt Haus in Paris samt Mathilde, 92. Sie hat lebenslanges Wohnrecht.
Manowar-Musiker und Hugenpoet-Besitzer gründen Stiftung
Schloss Hugenpoet
Joey DeMaio, Mitbegründer der Heavy-Metal-Gruppe „Manowar“, und Baron von Freiberg wollen künftig Kinder in sozialen Brennpunkten unterstützen. An Schulen sollen Orchester gebildet werden. Auch musikalische Therapieformen sollen gefördert werden. Details gibt es jedoch noch nicht.
"Reifeprüfung"-Regisseur Mike Nichols mit 83 gestorben
Nachruf
Mike Nichols gelang, was nur den Wenigsten in Hollywood und am Broadway vergönnt ist. Er gewann den Oscar, einen Grammy, mehrere Emmy- und Tony-Preise. Der US-amerikanische Film- und Theaterregisseur starb am Mittwoch im Alter von 83 Jahren, wie der Nachrichtensender ABC am Donnerstag mitteilte.
Bochumer Eisenbahnmuseum bekommt drei Millionen Euro
Fördermittel
Das Dahlhausener Museum bekommt eine Finanzspritze. Erstmalig fördert das Bundesbauministerium herausragende Projekte des Städtebaus. Eine Jury hat aus 270 Bewerbungen 21 ausgewählt. Mit dem Geld will das Museum das Gelände kaufen und eine moderne Empfangshalle errichten.
Thomas Anders und Heino treten 2015 bei Oberhausen Olé auf
Festival
Die Gästeliste für das Schlagerfestival „Oberhausen Olé“ steht fest: Neben bekannten Gesichtern wie Michael Wendler und Mickie Krause werden auch der ehemalige Modern-Talking-Sänger Thomas Anders und Altmeister Heino im Sommer 2015 auf der Bühne stehen. Der Kartenvorverkauf hat begonnen.
Umfrage
30.000 Patienten sterben jedes Jahr an einer Infektion mit multiresistenten Keimen . Wie fühlen Sie sich dabei?

30.000 Patienten sterben jedes Jahr an einer Infektion mit multiresistenten Keimen . Wie fühlen Sie sich dabei?