Das aktuelle Wetter NRW 18°C
Ausstellung

Ikonenmuseum Recklinghausen zeigt den anderen Nikolaus

30.10.2013 | 17:59 Uhr
Ikonenmuseum Recklinghausen zeigt den anderen Nikolaus
Der heilige Nikolaus rettet die drei Mädchen vor dem Verschachern an üble Gesellen.Foto: Ikonen-Museum Recklinghausen

Recklinghausen.   Mit dem dicken Coca-Cola-Weihnachtsmann hat er nichts zu schaffen. Und in Russland verehren sie ihren „Nikolai“ fast wie den lieben Gott. Recklinghausens Ikonenmuseum zeigt Bilder von Nikolaus, dem heiligen.

Unterhalten sich zwei russische Bauern über die Zukunft. „Du liebe Güte“, sagt der eine, „was machen wir bloß, wenn Gott mal stirbt?“ Darauf der andere: „Ach, mach dir keine Sorgen. Wir haben doch unseren Nikolai.“

Gold, Tempera, Holz, Bronze

Die Anekdote erklärt die Verneigungen in Gold und Tempera, auf Holz und Bronze, mit der Recklinghausens Ikonenmuseum diesen Herbst von einem erzählt, der die Leute das Schenken lehrte. Es ist Nikolaus. Und wenn jetzt drei Viertel der Leser nicht aus dem Kopf kriegen: Rauschebart, Sack, Schlitten, rote Mütze, weißer Bommel, dann ist das erstens unausrottbar US-Volksgut und zweitens ein sehr guter Grund, dass es diese kleine, noble Ausstellung gibt.

Denn die knallfröhliche „Ho ho ho“-Ausstattung gibt es im Schatten der Petrikirche nicht. „Nikolaus. Ein Heiliger für alle Fälle“ erzählt sein Leben, seine Legenden und zeigt ihn 114 Mal so, wie das fromme Russland ihn sah: als Ikone. Und das heißt: Ebenbild, immer gleich. Abzumalen war nicht verpönt, es war Pflicht. Für Nikolaus bedeutete das: kurzer Bart (grau und weiß), extrem hohe Stirn (Weisheit). Die Bischofsmütze trägt er nicht immer. Wenn ja, nennt man das in Russland „Winter-Nikolaus“ – nicht ganz ohne Humor, der Kopf wird ja bedeckt. Mehr als die historische Figur (Bischof von Myra, viertes Jahrhundert, heutige Türkei) zeigen die Bildnisse von der kaum zigarettenschachtelgroßen Reise-Ikone bis zum stolzen Altarbild den Wundertätigen, den Heiligen.

Retter der Seefahrer und Jungfrauen

Mögen 2013 auch Heranwachsende eine gewisse Enttäuschung nicht verhehlen können, dass weder Fahrrad noch Spielkonsole erkennbar sind: Seine Gaben waren enorm. Zu erkennen etwa an den drei Goldklumpen, die der von Haus aus nicht Unbetuchte drei jungen Damen ins Schlafgemach warf. Nikolaus’ Motiv war aller Ehren wert: Die Jungfrauen sollten verkauft werden, natürlich unter Wert und Niveau. Dank Nikolaus aber, auf einer Ikone sehen wir das Gold schon gut verhüllt neben dem dankbaren Alten, konnte ihr Väterchen sie standesgemäß vermählen.

Lesen Sie auch:
Neue Ausstellung im Hagener Emil Schumacher Museum

Fürwahr, das ist ein betörend kunstvoller Dialog! Der Bildhauer Norbert Kricke (1922-1984) und der Maler Emil Schumacher (1912-1999) führen ihn angesichts der neuen Ausstellung im Hagener Emil Schumacher Museum.

Sowas hat man Nikolaus nicht vergessen. Nicht die Rettung der Seefahrer, nicht die legendäre Tatsache, dass er selbst Kaiser Konstantin im Schlaf erschienen ist, sich einzusetzen für zu Unrecht Verurteilte. „Konstantin, steh auf!“ Konstantin parierte.

Er war ein Lieblingsmotiv aller Schichten

Auch die Ikonenmalerei für den ländlichen Hausgebrauch erzählt von all dem. Es konnte auch der Ärmste vor ihr in Frieden beten. Handlungsreisende waren in der Provinz unterwegs, nahmen Bestellungen für Malerwerkstätten auf. Der Heilige war ein Lieblingsmotiv. Anders als das Gedicht sagt, kam der Nikolaus nicht morgen, aber nach ein paar Wochen.

Eigentlich spielt die Schau im größten Ikonenmuseum der westlichen Welt eher in der Kennerliga. Man muss sich auf diese besondere Kunst einlassen, sollte Details lieben und noch in Ähnlichkeiten Un­terschiede finden wollen.

Coca-Cola malte ihn aus

Gegen die Wucht des Dicken im roten Pelzmantel geht sie gar nicht erst an. Der kam übrigens erst im zweiten Anlauf von Coca-Cola. In einem Gedicht schuf ausgerechnet der Schöpfer des Deutschlandliedes 1840 den Kult vom guten „Weihnachtsmann“. Moritz von Schwind regte er zu einer Zeichnung an: mit Stiefeln, Mantel, Tannenbaum. Wie Coca-Cola das ausmalte, sehen wir bis heute. Den 6. Dezember hat der Erfrischungsriese nicht erfunden. Es ist der Tag, an dem der Bischof von Myra starb.

Infos:

  • „Ein Heiliger für alle Fälle“. Bis 23. Februar 2014. Ikonen-Museum RE, Kirchplatz 2a, Tel. 02361-501941. 6€, erm. 3€.
  • Führungen jeden 1. Sonntag, (15 Uhr) im Monat kostenlos. Kinderaktion: 6.12., 14-16 Uhr.
  • Zur Ausstellung ist ein prächtiger Katalog erschienen, 142 Farbabbildungen, 20€

 

Lars von der Gönna



Kommentare
Aus dem Ressort
Lieberberg darf sein Festival doch "Rock am Ring" nennen
Rock-Festival
Erfolg für Konzertveranstalter Marek Lieberberg: Der "Rock am Ring"-Macher darf sein Festival auch nach dem Weggang vom Nürburgring weiter so nennen. Das hat das Oberlandesgericht Koblenz am Freitag entschieden. Wo das Festival im kommenden Jahr stattfindet, steht noch nicht endgültig fest.
"Bang Boom Bang" - der Ruhrpott-Kultfilm feiert Geburtstag
Kultfilm
15 Jahre ist es her, das die Ruhrgebietskomödie „Bang Boom Bang“ auf den Kinoleinwänden gezeigt wurde. Als Kleinganove „Schlucke“ ist Martin Semmelrogge bei vielen Fans unvergessen. An die Dreharbeiten erinnert sich der Schauspieler, als ob es gestern gewesen wäre.
Nach Kunstverbot - "Museumsbesuch mit Risiko" in Bochum
Kunst
Duisburg sagte auf Geheiß des Oberbürgermeisters im letzten Augenblick ab – nun hat Gregor Schneider für die Ruhrtriennale statt „totlast“ in Duisburg enge Gänge im Museum Bochum installiert. Dort wartet neben „Kunstmuseum“ auch eine sehenswerte Ausstellung der Privatsammlung Hense.
"Doktorspiele" – Eine Teenie-Klamotte mit viel Testosteron
Teenie-Komödie
Die Teenie-Komödie "Doktorspiele" erzählt eine Coming-of-Age-Geschichte wie man sie oft gesehen hat im deutschen Kino. "Mädchen Mädchen" und "Harte Jungs", dürften diesem Film von Regisseur Marco Petry ebenso Pate gestanden haben wie die berüchtigte "American Pie"-Reihe aus den USA.
Keira Knightley und der Liebeskummer in der Großstadt
Musikfilm
In ihrem neuen Film "Can A Song Save Your Life?" spielt Keira Knightley die Musikerin Gretta und singt dabei selbst. Der irische Regisseur John Carney, dem mit seinem Independent-Film "Once" vor acht Jahren ein Überraschungs-Coup gelang, hat das romantische Großstadtmärchen in Szene gesetzt.
Umfrage
Die Städte in NRW fordern viele Millionen von Bund und Land, um marode Straßen zu reparieren . Wie zufrieden sind Sie mit dem Zustand der Straßen?