„Ich seh, ich seh“ – Horrortrip in familiäre Abgründe

Die Zwillingsbrüder Lukas und Elias (Lukas und Elias Schwarz) zweifeln an der Identität ihrer Mutter.
Die Zwillingsbrüder Lukas und Elias (Lukas und Elias Schwarz) zweifeln an der Identität ihrer Mutter.
Foto: KOCH MEDIA
Lukas und Elias sind überzeugt, dass ihre „Mutter“ nicht ihre Mutter ist. "Ich seh, ich seh" heißt Veronika Franz’ und Severin Fialas Spielfilmdebüt.

Essen.. Die ersten Bilder von Veronika Franz’ und Severin Fialas gemeinsamem Spielfilmdebüt „Ich seh, ich seh“ senden eine Botschaft aus anderen, längst vergangenen Tagen. Fast könnte man glauben, man sei im wahrsten Sinne im falschen Film gelandet. Denn Franz’ und Fialas durch und durch österreichischer Horrortrip in die dunkelsten Abgründe einer Familie beginnt mit der letzten Szene von Wolfgang Liebeneiners Rührstück „Die Trapp-Familie“.

Ruth Leuwerik singt zusammen mit einer Schar von Kindern das berühmte Wiegenlied „Guten Abend, gut’ Nacht“ und wendet sich dann direkt an das Publikum. Mit einem letzten „Gut’ Nacht“ auf den Lippen verabschiedet sie sich und entlässt einen in eine Welt, die sich allerdings eher als Hölle denn als Paradies entpuppt.

Franz’ und Fialas Coup, ihrem Film ein Zitat aus einem deutschen Melodrama der 1950er-Jahre voranzustellen, ist eines David Lynchs würdig. Tatsächlich wirkt „Ich seh, ich seh“ über weite Strecken, als hätte sich Lynch an eine extrem freie, in unsere heutige Zeit verlegte Verfilmung von Agota Kristofs Roman „Das große Heft“ gewagt. Wie die Zwillinge in Kristofs Erzählung bilden auch Lukas (Lukas Schwarz) und Elias (Elias Schwarz) eine verschworene Gemeinschaft.

Gesicht nach einer Operation bandagiert

Die beiden Jungen machen alles zusammen. Nur ihre Mutter (Susanne Wuest), deren Gesicht nach einer Operation nahezu komplett bandagiert ist, scheint das nicht zu akzeptieren. Sie ist schroff und kalt. Lukas würdigt sie nicht eines Blickes und schürt so die wildesten Vermutungen. Irgendwann sind die Zwillinge dann überzeugt, dass die Frau hinter den Mullbinden gar nicht ihre Mutter ist.

Franz’ und Fialas von Ulrich Seidl produzierter Kinoerstling weckt die unterschiedlichsten Assoziationen. Natürlich liegt der Gedanke an Georges Franjus surrealen Horrorfilm „Augen ohne Gesicht“ nahe. Aber das Regieduo unterläuft mit seinen extrem kühlen, fast dokumentarischen Bildern von Gewalt und Schmerz alle (schwarz)romantischen Genremotive. Der zunächst noch atmosphärische Schrecken, der virtuos mit Andeutungen und Auslassungen spielt, schlägt um in puren Terror.

Ungeheuerliche Gewaltbereitschaft

Wenn die Zwillinge die Frau, die ihre Mutter sein könnte, schließlich zur Geisel ihrer Paranoia machen, taucht „Ich seh, ich seh“ in die schwärzesten Regionen der (kindlichen) Psyche ein. Aus Verlustängsten erwächst mit einem Mal eine wahrhaft ungeheuerliche Gewaltbereitschaft.

Doch noch verstörender als die Taten dieser Enfants terribles ist Franz’ und Fialas komplett moralfreier Blick. Sie verurteilen weder die Zwillinge noch die Mutter. Jede weitere Eskalationsstufe folgt einer ebenso grausamen wie konsequenten Logik. So bleibt nur die Hoffnung, irgendwann wieder aus diesem Albtraum zu erwachen, oder wie es in „Guten Abend, gut’ Nacht“ heißt: „Morgen früh, wenn Gott will, / wirst du wieder geweckt.“