„Ich bin einer von den Pflegeleichten“

Ein Widerspruch der schönen Sorte: ganz oben zu sein, aber nicht von oben herab. Der französische Countertenor Philippe Jaroussky (36) regiert das Reich der hohen Herren-Töne seit Jahren – und zeigt sich im Gespräch als absolut allürenfreier Plauderer.

Frage: Konnten Sie Weihnachten ein bisschen ausruhen? Ihr Tourplan 2014 grenzte an Spitzensport. Sagen Sie nie „Stopp!“, Monsieur?

Philippe Jaroussky: Oje, das ist ein wunder Punkt. Ich kann echt schlecht nein sagen. Und wenn dann sehr gute Orchester rufen, wenn tolle Entdeckungen warten, hab ich schon wieder „ja“ gesagt. Ich möchte demnächst aber ein bisschen mehr Pause machen.

Ungefährlich ist das nicht. Als Countertenor sind Sie ein vokaler Spitzensportler. Haben Sie keine Angst vor Schwächen, Krankheit?

Ich sehe vielleicht nicht so aus, aber zum Glück habe ich eine ganz stabile Konstitution. Ich weiß, was ich kann. Noch wichtiger ist, dass ich meine Grenzen kenne. Klar: Die Leistung muss abrufbar sein. Neulich habe ich gesungen, obwohl ich krank war. Nachher hat das Orchester zu mir gesagt: Heute war es besonders schön. Tja.

Neben Ihrem enormen Talent haben Sie das Glück, dass Ihre Musik heute populär ist, obwohl sie teilweise Jahrhunderte vergessen war.

Ich glaube, es ist nicht allein die Konjunktur von Arien für Kastraten. Es ist die neue Begeisterung für Barockmusik, die auch mein Fach nach oben gebracht hat. Und doch bleibt es bei uns Countertenören eine Frage von Schwarz oder Weiß. Entweder die Hörer lieben es, oder sie lehnen das total ab, finden es verkünstelt, ungenießbar.

Täuscht es, dass ein Publikum ganz besonders still und verzaubert wird, wenn ein Mann mit engelgleichem Sopran die Stimme erhebt?

Ich empfinde das auch so, vielleicht ist es auch dieses extrem hingebungsvolle Publikum selbst. Wissen Sie was: Im Grunde sind es diese Menschen im Saal manchmal mehr als die Musik, die mir mitteilen, was ich da eigentlich tue.

Wie meinen Sie das?

Ehrlich, an manchen Tagen ist auch der Auftritt eines ziemlich bekannten Countertenors sehr alltäglich. Ich reise an, esse was, trinke was, ziehe mich um, schaue noch mal in die Noten. Es ist nichts Besonderes. Aber dann siehst du beim Singen auf der Bühne plötzlich wie ein Mensch im Publikum seine Lippen bewegt, wie er den Text mitspricht. Du begreifst, was es ihm bedeutet, heute Abend hier zu sein Und sowas reißt dich auf sehr wundervolle Art aus der Routine.

Wissen Sie viel über Ihr Publikum?

Ich denke doch. Signierstunden sind spannend. Wenn Ihnen ein Mensch sagt, dass kein Tag vergeht, an dem er daheim nicht wenigstens eine Arie von einem hört – so was lässt einen doch nicht kalt. Weil man erfährt, wie wertvoll Musik für Menschen ist. Oder jemand erzählt, dass er schon vor einem Jahr die Konzertkarte gekauft hat und sich seitdem einfach nur gefreut hat. Ein Jahr lang! Daran soll man beim Singen denken.

Wie gehen Sie mit Hürden um, schlechten Bedingungen, Pannen?

Also, wenn man weiß, dass sie zum Leben dazu gehören, hilft es schon ein bisschen (lacht). Im Ernst: Ich bin einer von den Pflegeleichten, selbst wenn alles schief geht und der Intendant dann auch noch ein Ekel ist. Die Zeit der rumzickenden Diven ist nicht unsere.

In Dortmund hören wir Sie mit ei­ner Rarität: Steffanis „Niobe“

Das ist sensationelle Musik, obwohl 300 Jahre in Vergessenheit. Die Schlussarie klingt enorm modern. Ich war verrückt darauf, das Werk zu singen. Und live ist es natürlich eine Wahnsinnsherausforderung.