Holocaust-Verarbeitung mit Schnittchen und Käse-Igel

In „Leas Hochzeit“ verbaut Regisseur de Vroedt knapp 100 Mini-Szenen.
In „Leas Hochzeit“ verbaut Regisseur de Vroedt knapp 100 Mini-Szenen.
Foto: Hans Jürgen Landes
Was wir bereits wissen
Ein ungewöhnlicher Blickwinkel und viel mehr: „Leas Hochzeit“ von Judith Herzberg mit einer starken Ensemble-Leistung in den Bochumer Kammerspielen.

Bochum.. Komödie? Melodram? Oder ein bitterer Blick auf den Holocaust? Irgendwo dazwischen zeichnet die Niederländerin Judith Herzberg mit „Leas Hochzeit“ das sensible Porträt einer in ihren Grundfesten erschütterten Gesellschaft. Regisseur Eric de Vroedt bringt das Stück schwungvoll in die Bochumer Kammerspiele.

Herzberg zeigt eine gutbürgerliche jüdische Familie im Amsterdam der 70er-Jahre. Auf der dritten Hochzeitsfeier von Töchterchen Lea (Therese Dörr) tummeln sich illustre Gestalten: von ihren Ex-Männern bis zur aufgetakelten Schwiegermutter im Petticoat. Auch Leas Ziehmutter (Katharina Linder) ist da, bei der sie als Mädchen vor den Deutschen versteckt wurde, als ihre Eltern (stark: Anke Zillich und Martin Horn) bange Jahre im KZ erlebten. Heute macht Lea ihnen Vorwürfe, sie damals im Stich gelassen zu haben.

Ruhrfestspiele Verblüffend der Blickwinkel: Gezeigt wird nicht die Hochzeitsfeier, sondern das Foyer daneben. Die Party steigt also hinter der Bühne, derweil sieht der Zuschauer das unablässige Hin und Her von Gästen und Bediensteten. Meist sind es nur kurze Begegnungen oder Gesprächsfetzen. Es werden Schnittchen und Käse-Igel gereicht, die leeren Sektflaschen mehren sich – und dann setzt die ganze Partygesellschaft zur Polonaise an.

Turbulentes Familiendrama

Regisseur de Vroedt baut knapp 100 dieser Mini-Szenen in der Tradition einer klassischen Tür-auf-Tür-zu-Komödie und arbeitet doch das Abgründige in Herzbergs Stück genau heraus. Der Holocaust bildet bloß den düsteren Hintergrund für ein Familiendrama, das liebevoll und turbulent anmutet, wenn Lea auf ihrer dritten Hochzeit fast mit Ehemann Nummer vier anbandelt. Bühne und Kostüme (von Maze de Boer/Lotte Goos) treffen den Geist der 70er punktgenau.

Großer Applaus für eine starke Ensembleleistung und Extra-Beifall für die 80-jährige Autorin, die zur Premiere aus Israel eingeflogen war.