Hollywood vor der Oscar-Nacht

Washington..  Linguistik-Professorin, Mutter dreier Kinder, attraktiv, humorvoll, allseits beliebt und geachtet: Alice Howland lebt das Leben einer blitzgescheiten Powerfrau. Bis ihr das Schicksal einen riesigen Prüfstein in die Biografie knallt. Alzheimer. Genetisch bedingt. Dabei ist sie doch erst 50.

Julianne Moore (54) spielt diese Frau, deren Ich allmählich aufgefressen wird, in „Still Alice“ mit einer würdevollen Verwundbarkeit, die so viele Abgründe und Seelenschmerz offenbart, wie es vor einer Kamera überhaupt nur denkbar ist. Amerikas teuerste Volkskrankheit – fünf Millionen Betroffene, 200 Milliarden Dollar Behandlungskosten pro Jahr – bekommt in diesem von Sommersprossen übersäten, naturblassen Gesicht Züge, in denen sich jeder erkennt. Und Julianne Moore am Sonntagabend, wenn nicht alles wieder mit dem Teufel zugehen sollte, bei der 87. Verleihung der Academy Awards im Dolby-Theater von Los Angeles endlich das einbringt, was ihr seit 20 Jahren verwehrt wird: ein Oscar für die beste weibliche Hauptrolle.

Kaum Schwarze, kaum Frauen

Den Scheinwerfer auf die Personalie Moore zu richten, bevor der rote Teppich in Hollywood wieder eingerollt wird, gebietet bei allem Bohei um die Birdmänner und Sniperschützen dieses Jahrgangs schon die Fairness. Wieder einmal ließ die vermaledeite Jury schwarze Filmemacher links liegen – und Frauen. Wer die Listen in zentralen Kategorien durchforstet, beste Regie etwa oder bestes Drehbuch, stößt auf die reine Männer-Wirtschaft.

Dass sich ihre Konkurrentinnen – Marion Cotillard („Zwei Tage, Eine Nacht“), Felicity Jones („Die Entdeckung der Unendlichkeit“), Rosamund Pike („Gone Girl“) und Reese Witherspoon („Wild“) – von ganzem Herzen mit ihr freuen würden, ist gewiss. Julianne Moore gilt in der Branche der Eitlen als allürenfrei und hinreißend gut.

In die vorderste Reihe des Charakterfachs spielte sich die Tochter eines amerikanischen Militärrichters und einer schottischen Psychotherapeutin 1993 in Robert Altmans Meisterwerk „Short Cut“. Seit sie mit ihrem Film-Gatten Matthew Modine nur mit einem Pulli bekleidet einen denkwürdigen Streit hinlegte, weiß jeder, dass die in North Carolina aufgewachsene und wegen Papas Beruf 1979 in Frankfurt am Main auf die amerikanische Highschool gegangene Moore überall feuerrothaarig ist.

Sie saugt alles auf

Moores Alleinstellungsmerkmal ist das unaffektiert Scheue, Mystische, Feenhafte, das in den stärksten Momenten an Ingrid Bergman, Bette Davis oder Catherine Deneuve erinnert. Wo Nicole Kidman mit der Brechstange entsetzt wirken will, reicht der Moore ein langer, fragender Blick. Regisseure, die sie kennen und schätzen, beschreiben Julianne Moore als akribische Arbeiterin, die alles aufsaugt, bevor sie einer Rolle ihre Note gibt. Für „Still Alice“ – in Deutschland wohl ab 6. März im Kino – sprach sie mit Frauen, die in jungen Jahren eine Alzheimer-Diagnose bekommen haben.