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"Holländer"-Sänger sagt Bayreuther Festspiele wegen NS-Tattoos ab

22.07.2012 | 13:13 Uhr
Bassbariton Nikitin wusste nach eigenen Angaben nichts über die Bedeutung seiner Nazi-Tattoos. Jetzt hat der "Holländer"-Sänger seinen Auftritt bei den Bayreuther Festspielen abgesagt. Foto: dapd

Bayreuth.  Nur vier Tage vor seiner geplanten Premiere bei den Bayreuther Festspielen hat der russische Opernsänger Jewgeni Nikitin wegen Tattoos mit Nazi-Symbolen seinen Auftritt abgesagt. Nikitin, der in Bayreuth die Titelrolle des "Fliegenden Holländers" singen sollte, nannte die Tattoos aus seiner Jugendzeit am Samstag in einer Erklärung einen "großen Fehler". Nikitin hat unter anderem ein teils verdecktes Hakenkreuz-Tattoo auf seiner Brust.

Umbesetzung kurz vor der Generalprobe: Wegen Tätowierungen mit nationalsozialistischen Symbolen hat der Bassbariton Evgeny Nikitin seinen Auftritt bei den Bayreuther Festspielen abgesagt. Der Russe war für die Titelrolle in Richard Wagners "Fliegendem Holländer" vorgesehen. Mit der Oper sollen die Festspiele am kommenden Mittwoch (25. Juli) eröffnet werden. Ersatzmann Samuel Youn stand bereits bei der Generalprobe am Samstag auf der Bühne. Der Südkoreaner sei auch im Falle einer Erkrankung als Ersatz für Nikitin vorgesehen gewesen, sagte ein Sprecher der Festspielleitung am Sonntag. Bis zur Premiere seien weitere Einzelproben mit Youn geplant.

"Mir war die Tragweite der Irritationen und Verletzungen nicht bewusst, die diese Zeichen und Symbole besonders in Bayreuth und im Kontext der Festspielgeschichte auslösen", erklärte der 38-jährige Russe am Samstag in einer schriftlichen Stellungnahme. Nach einem Gespräch mit der Festspielleitung habe er sich dazu entschieden, auf seinen Auftritt auf dem Grünen Hügel zu verzichten.

Die "künstlerische Beschädigung der Inszenierung" sei selbst nach Einarbeitung eines Ersatzes immens, sagte Regisseur Jan Philipp Gloger nach dem Gespräch mit Nikitin. Es sei fraglich, ob sein Ausfall bis zur Premiere restlos aufgefangen werden könne.

Nikitin bereut Tätowierungen

Die Festspielleitung war nach eigener Aussage durch Recherchen der "Bild am Sonntag" auf die kritischen Tattoos aufmerksam geworden. In der ZDF-Kultursendung "Aspekte" am Freitagabend waren ältere Aufnahmen Nikitins zu sehen, die ihn als Schlagzeuger einer Heavy-Metal-Band zeigen. Auf seiner Brust ist ein Hakenkreuz-Tattoo zu erkennen, das teilweise von einem anderen Motiv überdeckt ist. "Ich habe mir die Tattoos in meiner Jugend stechen lassen. Es war ein großer Fehler in meinem Leben und ich wünsche mir, dass ich es niemals getan hätte", schrieb Nikitin. Das Hakenkreuz auf seiner Brust ist inzwischen mit einem farbigen Tattoo überstochen.

Nach eigener Aussage kannte Nikitin die Bedeutung einiger Tätowierungen nicht. "Es war mir nicht klar, dass die Symbole, die ich als Tattoos trage, in Zusammenhang gebracht oder sogar von Nazis oder Neonazis benutzt werden können", sagte er der "Bild am Sonntag". Unter anderem trägt er zwei auch von den Nationalsozialisten verwendete Runen als Tattoo auf dem Oberkörper.

Er sei sich bewusst, "dass die Verbrechen, die in Nazi-Deutschland verübt wurden, zu den schrecklichsten Verbrechen gehören, die je verübt wurden", betonte Nikitin. Er habe sich die Tattoos in den Jahren 1989, 1990 und 1991 in Russland stechen lassen und sie "in Büchern über nordische Mythen und aus Tattoo-Shop-Katalogen ausgesucht". Nikitin versicherte: "Die Zeichen haben für mich überhaupt keine politische, sondern nur eine spirituelle Bedeutung. Ich war nie Teil einer politischen Partei und bin es auch heute nicht."

Erinnerungen an dunkelstes Kapitel in Festspiel-Geschichte

Die Zeit des Nationalsozialismus und die Nähe von Siegfried Wagners Witwe Winifred zu Adolf Hitler markieren das dunkelste Kapitel in der Geschichte der Festspiele. Hitler hatte Bayreuth zuletzt 1940 besucht. Ab diesem Zeitpunkt wurden auf seine Anordnung sogenannte Kriegsfestspiele durchgeführt. Die letzte Aufführung gab es am 9. August 1944. Seit einigen Tagen erinnern mannshohe grauen Info-Tafeln vor dem Festspielhaus an die Judenfeindlichkeit auf dem Grünen Hügel.

Roter Teppich in Bayreuth

Der russische Bassbariton hatte erst vor wenigen Tagen im dapd-Interview gesagt, mit seinem Auftritt in Bayreuth gehe für ihn ein Traum in Erfüllung. Nikitin ist inzwischen ein gefragter Sänger an den großen Opernhäusern, vor allem für die schweren deutschen Rollen, für den "Holländer", überhaupt für Wagner, aber auch für Richard Strauss. Noch während seines Studiums in St. Petersburg wurde er vom Mariinsky-Theater engagiert. 2002 gab er sein Debüt an der Metropolitan Opera in New York. 2008 trat er im "Fliegenden Holländer" am Festspielhaus Baden-Baden auf. Im gleichen Jahr debütierte er an der Bayerischen Staatsoper München. (dapd)

 



Kommentare
24.07.2012
10:55
Winifred
von thomas.bb | #5

Die Wagner Mischpoke sollte erst einmal ihre eigene Vergangenheit aufräumen und Stellung beziehen. Sicherlich gab es aber auch andere Strömungen um Bayreuth die Herrn Nikitin aus anderen Gruenden nicht singen lassen wollte!

22.07.2012
19:53
Es ist nicht si einfach...
von Untertan43 | #4

Ein Russe hat dieses Zeichen ! Hat Nazideutschland Russland angegriffen oder war es umgekehrt?
Deutschland geht es mit seiner Vergangenheit wie den Alkoholikern.
Sind sie einmal trocken, dürfen sie KEINEN Schluck Alkohol mehr trinken, sonst fallen sie wieder in ihr Problem zurück.
Die Deutschen haben wahrscheinlich dieselbe Angst, dass sie, wenn sie es einmal tolerieren, vielleicht wieder in die vergangenen Strukturen zurückfallen könnten
Na,ja gerade die Wagners! Die haben es auch nötig.
Ich wundere mich ,dass es niemand aufregt, wenn die Medien fast täglich Stunden über die Nazis berichten und das direkte Umfeld Hitlers zu Wort kommen lassen. Und das keinenfalls als mahnenden Anlass betrachten.
Schade um die schöne Stimme,obwohl ich Mozart vorziehe. Zu Mozarts Musik passt die Farbe Braun ganz und gar nicht.

22.07.2012
14:58
nordische Mythen
von heimar | #3

Wenn Hr.Nikitin sagt er habe seine Tattoos aus Büchern über nordische Mythen, so seh ich keinen Grund das anzuzweifeln. Es waren nicht die Nazis die diese Symbole erfunden haben sondern die Nazis haben sie mißbraucht. Das ein über 6000Jahre altes Symbol verdammt wird weil es 25 Jahre lang mißbraucht wurde darf nicht sein.
http://de.wikipedia.org/wiki/Swastika

1 Antwort
Hakenkreuz-Tattoos ??????
von Eulenblick | #3-1

Herr Nikitin hat recht! Das Hakenkreuz der Nazis und das Hakenkreuz aus der Mythensymbolik sind nicht dasselbe. In der Mythensymbolik werden ein linksdrehendes* und ein rechtsdrehendes Sonnenrad (Swastika - *bei den Nazis Hakenkreuz genannt) übereinander gelegt und bilden die sogenannten 4Tore. Das linkdrehende bildet die zerstörerischen Kräfte, das rechtsdrehende die aufbauenden Kräfte.
Nachzulesen bei: Mandalas der Welt von Dr. Rüdiger Dahlke
Interessant wäre jetzt nur zu wissen, welches auf der Brust von H.Nikitin zu sehen ist.

22.07.2012
14:03
Ja nee, iss klar.
von Frankfurter | #2

mit 18 Jahren kannte er die Bedeutung eines Hakenkreuzes nicht, obwohl Hitler Deutschland gegen die UDSSR einen Krieg geführt hat.

Und Frau Wagner mokiert sich über die Buh Unkultur der Deutschen.

http://www.derwesten.de/kultur/wie-katharina-wagner-mit-der-deutschen-buh-unkultur-umgeht-id6900635.html

22.07.2012
13:26
Na klar, rein "spirituell"!
von Funakoshi | #1

Der arme Kerl hat sicherlich nie vorher gewusst, dass diese Zeichen gaaaaaanz, gaaaaaanz "pöhse" sind! Wer soll so einen Quatsch eigentlich noch glauben??? Wenn er es doch so sehr bereut, kann er sie sich auch wieder entfernen lassen!!!

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