Historisches auf 40 000 Blatt Papier

Iserlohn..  „Zugegeben, hier ist wirklich alles ein bisschen retro.“ Pfarrerin Brigitte Zywitz sitzt in einer gemütlichen Lese-Ecke, die durch eine Mischung aus Sperrmüll und Antik zusammengestellt ist. Das Ensemble befindet sich in einem der ältesten Häuser Iserlohns. Hier, direkt neben der Obersten Stadtkirche, war vor über 400 Jahren die erste Lateinschule untergebracht, später wurde es Wachhaus, Gefängnis, Krankenstube und Kindergarten. Seit den 1970er Jahren beherbergt es nun das Burg-Archiv, in dem der evangelische Gemeindeverbund Iserlohn seine eigene Geschichte aufbewahrt.

Brigitte Zywitz arbeitet hier seit sieben Jahren als Archivpflegerin. Die Theologin ist sonst Seelsorgerin in einem Seniorenwohnheim und sieht in beiden Betätigungsfeldern durchaus Gemeinsamkeiten: „Ich führe mit den alten Menschen oft interessante biografische Gespräche. Für mich sind sie auf ihre Weise dann fast so etwas wie Archive auf zwei Beinen.“

Bis ins 13. Jahrhundert reichen die Dokumente im Burg-Archiv zurück; gerade arbeitet der ehemalige Stadtarchivar Götz Bettge an Unterlagen aus der Reformationszeit durch, um festzustellen, wie sich Iserlohn nach und durch Martin Luther konfessionell verändert hat. Ohnehin kommen sehr regelmäßig Besucher ins Reich der Archivpflegerin und stöbern in den überkommenen Schätzen. Die wären eigentlich längst verloren, hätte nicht 1971 der damalige Iserlohner Pfarrer Hans-Martin Herbers eine spektakuläre Rettungsaktion gestartet. „Das Archivgut lag in jenen Jahren feucht und moderig in einem Keller“, erinnert sich Brigitte Zywitz an die Pionierarbeit ihres Vorgängers. „Pfarrer Herbers hat 40 000 Seiten Papier geborgen, Blatt für Blatt getrocknet und schließlich auch noch geordnet und katalogisiert. Ein schier unfassbare Arbeit.“

Jetzt profitiert die Nachwelt

Von der nun die Nachwelt dankenswert profitiert. Pfarrerin Zywitz ist ein Mal pro Woche im Archiv. „Ich möchte das Material weiter für möglichst viele Menschen nutzbar machen“, umreißt sie ihre Aufgabe und fügt hinzu: „Dabei entdecke auch ich immer wieder Neues.“ Gerade ist sie einer Predigtsammlung aus der NS-Zeit auf die Spur gekommen. Beim Lesen habe sie regelrecht „Gänsehaut bekommen“, bekennt die Theologin und meint damit vor allem den Wandel ihres damaligen Amtsbruders, der sich vom Nazi-Unterstützer zum deutlichen Gegner auch in seinen Predigten wandelte.

Geschichte einer Familienvikarie

Ein kleiner Kreis Ehrenamtlicher steht Brigitte Zywitz bei ihrer Arbeit zur Seite. Die Damen und Herren schreiben alte Kirchenbücher ab und aktualisieren das Zeitungsarchiv. Interessant: Die Zahl der Beiträge über kirchliche Belange hat sich in den vergangenen Jahren um ein Vielfaches erhöht. Das Thema Kirche ist in den Zeitungen mehr denn je ein öffentliches geworden - und zwar allen Kirchenaustritten zum Trotz.

Mit 1400 Bänden nimmt die Varnhagensche Bibliothek eine Sonderrolle im Iserlohner Kirchenarchiv ein. Sie stammt aus den Jahren 1525 bis ins 19. Jahrhundert und wurde von der Familie Varnhagen zusammengestragen. Die bildete über Generationen hinweg eine Familienvikarie, stellte also von Person zu Person den Pfarrer des Ortes aus den eigenen Reihen. Kirchliche, juristische und naturwissenschaftliche Literatur ist in der Sammlung zu finden; hier wartet wohl noch so manches Thema auf eine Doktorarbeit.

Brigitte Zywitz hat aus ihrer Archivarbeit eine grundsätzliche Erkenntnis gezogen: „Wenn man sich mit den hier aufbewahrten Zeugnissen der Vergangenheit beschäftigt, wird eines ganz klar: Es mag immer Unterschiede in den jeweiligen Lebensumständen gegeben haben, aber es waren doch immer Menschen wie du und ich, die davon betroffen waren.“