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Kreatives Schreiben

Heute ein Schriftsteller

19.12.2011 | 17:25 Uhr
Heute ein Schriftsteller
Offline statt online: Notizbücher sind im Trend.

Essen.   Von der Twitteratur zum ledergebundenen Notizbuch: Der Trend zum Selberschreiben widerlegt Kulturpessimisten.

Es kann einem wahrlich bange werden. All das Gestammel in Blogs und Tweets, all diese Belanglosigkeiten, die die Facebooker mit roten Bäckchen austauschen – der Sprachmüll vereint sich zum anschwellenden Pop-Gesang, in dem das Abendland leise untergeht. Die frohe Botschaft aber lautet: Jeder Trend provoziert eine energische Gegenbewegung.

Da ist zum einen die Flut der Notiz- und Tagebücher, die in Szeneläden plötzlich gleich neben den schicken iPad-Hüllen feilgeboten werden – auch das Schreiben unplugged hat offenbar wieder Fans. Vielleicht ist es ja sogar so: Wer im Netz das Selberbasteln entdeckt, dem „write it yourself“-Trend folgt, der vertraut auch offline stärker auf seine Kreativität. Denn zum anderen gilt: Selbst schnöde Statusmeldungen können eine Kunstform sein.

So zumindest sieht es Stephan Porombka, Literaturprofessor an der Universität Hildesheim. Sein Buch „Schreiben unter Strom“ ist Teil einer bemerkenswerten Reihe des Duden-Verlags, die „Kreatives Schreiben“ lehren will – online ebenso wie in Notiz- und Tagebüchern. Sein Buch ist die ideale Lektüre für Kulturpessimisten. Denn die Vorschläge für Twitter-Projekte, für SMS-Poesie oder die Gestaltung von „Roman“-Figuren bei Facebook sind erstens Lustmacher und zweitens unverhohlen hoffnungsfroh. Das Internet ist ihm kein Rechtschreib- und Grammatikfriedhof, sondern eine einzige literarische Spielwiese.

Wer mit Porombkas Augen sieht, freut sich über Goethes „Werther“ als E-Mail-Roman ebenso wie über Else Buschheuers Twitteratur, begreift Sven Regeners Blog als genialen Kunstgriff – und möchte sogleich mit in den Olymp aufsteigen. Das Verführerische der Netzkultur besteht ja darin: Sie ist erstens basisdemokratisch und zweitens immer das, was man daraus macht.

Warum sollte man dieses virtuelle Lebensgefühl nicht live übertragen? Porombka schreibt: „Wenn es so ist, dass man beim Schreiben unter Strom auch die Ruhe haben kann, das ‘ganz andere’, das ‘ganz Überraschende’ und auch das ‘ganz Unmögliche’ zu machen“ – was er selbst annimmt – „dann ist man keineswegs darauf festgelegt, immer etwas mit dem Computer zu machen.“

Ein Notizbuch tut’s auch.

Einerseits also kann das Internet das Zutrauen in die eigene Sprachmacht fördern – hier darf sich jeder, der gerade mal seit drei Tagen twittert, bereits als „Autor“ fühlen. Andererseits weckt der „allseits geförderte Selbstveröffentlichungswillen“ möglicherweise verstärkt die gegensätzliche Sehnsucht: ein Verlangen nach Wörtern, die nur mir gehören. Christian Schärf, ein Kollege Porombkas in Hildesheim, prophezeit im Duden-Ratgeber „Schreiben für den Tag“ frohgemut: „Die Kultur einer neuen Intimität, die sich unter der Oberfläche der digitalen Vermassung entfaltet, wird auf das Tagebuch zurückgreifen, wird es als die ursächliche Quelle von Intimität und Selbstreflexion entdecken.“

In der Tat: Längst gehört das klassische „Moleskine“-Notizbuch mit Leder-Einband zur Standardausstattung stilbewusster Szenegänger. Als das Berliner Männer-Modemagazin „Herrenblatt“ kürzlich den Notizbuchtrend ausrief und die schicksten Teile vorstellte, da sangen Fans in den Kommentaren wahre Hymnen: Notizbücher liefen ohne Akku, sie seien „immer greifbar“, „schnell und flexibel“. Für die einen sind sie „der Schlüssel zu unmittelbarer Kontemplation“ und für die anderen schlicht: „Meins!“.

Wer will, kann heute gleich Klassiker befüllen. Reclam produziert Notizbücher, die von den gelben Originalen nicht zu unterscheiden sind. Wieder gilt: Dieser Trend der privaten Selbstüberhöhung provoziert einen Gegentrend. In einer Münsteraner Kneipe fand jetzt die erste Tagebuchlesung statt. Darin machten Mittdreißiger sich über ihre eigenen Teenie-Flausen lustig.

Britta Heidemann

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