Herr, erbarme dich
01.08.2008 | 14:37 Uhr 2008-08-01T14:37:00+0200Essen/St. Pölten. Der österreichische Künstler Florian Nährer hat in leuchtenden Farben den mutmaßlichen Schwerstkriminellen Josef Fritzl porträtiert. Im Interview mit DerWesten äußert sich Nährer zu den Motiven, die ihn zu diesem umstrittenen Gemälde veranlasst haben.
Welche Reaktionen möchten Sie mit ihrem Bild von Josef Fritzl beim Betrachter auslösen?
Florian Nährer: Staunen. Ich möchte die Betrachter staunen machen, ob der unermesslichen Liebe Gottes zu uns Menschen. Dieses Versprechen löst dieses eine Bild alleine vielleicht nicht auf den ersten Blick ein, doch bei näherer Betrachtung und der Beschäftigung mit meiner Arbeit kann man die Message, die ich vermitteln will verstehen: Gott ist ein vergebender Gott. Selbst einem Fritzl, dem mutmaßlichen Inzestkerkermeister von Amstetten, kann Gott vergeben, wenn Fritzl aus tiefstem Grunde seines Herzens bereut und sein Leben ändert. Diese Zusage Gottes provoziert natürlich unseren irdischen Sinn für Gerechtigkeit.
Hoffnung auf Vergebung für den Täter - welche Botschaft enthält das Bild für die Opfer?
Nährer: Bitte mich nicht wieder misszuverstehen: In meiner Arbeit geht es sicher nicht um die Hoffnung auf Vergebung für den Täter. Josef Fritzl ist mir als Person nicht wichtig.Ich benutze lediglich seine negative Popularität, um das Thema Vergebung auf eine radikale und extreme Weise zu diskutieren. Die Opfer tun mir leid, und sie verdienen jede nur erdenkliche Unterstützung, die wir ihnen als Gesellschaft entgegenbringen können.
Der gebürtige St. Pöltener studierte bildende Kunst und Theologie in Wien.
Nährer war persönlicher Assistent von Hermann Nitsch und Erwin Wurm.
Florian Nährer lebt und arbeitet in St. Pölten.
Ist die Zusage Gottes auf Vergebung für den Menschen überhaupt zu verstehen? Ist der vergebende Gott auch ein gerechter Gott?
Nährer: Indem Sie diese Frage stellen haben Sie schon einen wesentlichen Teil dieser Problematik verstanden. Gottes Gerechtigkeit ist nie menschliche Gerechtigkeit. Wir müssen uns von der Annahme verabschieden zu wissen, was Gott Wille oder sein Wesen ausmacht. Gott ist immer der ganz andere, er bleibt trotz seiner Zusage für uns unverfügbar. Dennoch können wir auf sein Erbarmen hoffen.
Warum ist es Aufgabe der Kunst, das Böse darzustellen?
Nährer: Aufgabe der Künstler ist es, den Status Quo zu ändern. Das Böse in Person des Herrn F., so wie Sie sagen, ist bei mir nur das Mittel zum Zweck, um diese zentrale Botschaft des christlichen Glaubens, die Vergebung, auf eindringliche Art und Weise darzustellen und zu thematisieren. Klar habe ich dafür formale Mittel gewählt, die die Menschen bewegen sollen. Wäre ich aber Amerikaner, dann hätte ich ganz sicher ein Porträt eines amerikanischen Verbrechers gewählt.
Fritzl hat auch deshalb eine so starke Wirkung auf die Menschen in Sankt Pölten, weil er derzeit hier im Gefängnis auf seinen Prozess wartet. Fritzl ist also derzeit auch Sankt Pöltner, so wie ich.
Welche Reaktionen erhalten Sie in Sankt Pölten und durch Ihre eigene mediale Präsenz auf das Bild? Möchten die Menschen sich überhaupt damit auseinandersetzen?
Nährer: Ich werde oft auf der Straße diesbezüglich angesprochen, und die Reaktionen sind ausschließlich positiv. Grundsätzlich will sich aber niemand mit den Amstettner Vorfällen auseinandersetzen, weil die mutmaßliche Taten Fritzls noch offene Wunden unserer Gesellschaft sind. Wie soll die Gesellschaft damit umgehen, dass so was hier bei uns passiert ist, und das so kurz nach dem Fall Kampusch? Wie viele arme Menschen gibt es denn noch, die eingesperrt noch immer auf ihre Befreiung warten und vielleicht sogar nie gefunden werden?
Die Diskussion um Josef Fritzl als Pop-Art-Motiv erinnert an einen Fall aus der Mitte der 90er Jahre. Damals hatte in Großbritannien der Maler Marcus Harvey mit einem Bild für Aufsehen gesorgt, das die englische Serienmörderin Myra Hindley zeigt. In welcher Form hat die so genannte Shock Art Ihr Werk beeinflusst?
Nährer: Gar nicht, weil ich mich nicht mit der so genannten Shock Art beschäftigt habe. Ich will nicht schocken. Die meisten meiner Arbeiten sind sehr lyrisch und haben gar nichts Negatives oder gar Böses an sich.
Shock Art
Schmerz, Verletzung und Gewalt sind wiederkehrende Themen der so genannten "Shock Art". Sie berührt thematisch und in der Umsetzung Tabu- und Reizthemen. Ihren Vertretern wurde immer wieder vorgeworfen, die Kunst aus Gründen der Publicity zu missbrauchen.
Andy Warhol's Death and Disaster Series
Umstrittene Bilderserie von Andy Warhol, bestehend aus stark vergrößerten Pressefotos von Autounfällen und Selbstmördern, der von Kritikern häufig Effekthascherei vorgeworfen wurde.
Sehen Sie sich in der Tradition von "Andy Warhol's Death and Disaster Series"?
Nährer: Formal erinnern einige meiner Gemälde stark an Warhols Siebdrucke, doch der Unterschied zwischen Warhols und meinen Arbeiten liegt auf der inhaltlichen Ebene: Mir geht es in erster Linie nicht darum zu provozieren, sondern theologische Themen, die eigentlich noch nie Motive zeitgenössischen Kunstschaffens waren, in den aktuellen Kunstdiskurs einzubringen. Plötzlich wird wieder über Vergebung diskutiert - das interessiert mich.
In Ihrem Interview mit dem Schweizer Blick-Magazin äußern Sie, „Fritzl als pars pro toto für das absolut Böse genommen“ zu haben, „um aufzuzeigen, dass Gott eben der vergebende Gott ist. Er vergibt auch das Schlimmste.“ Ist diese Schlussfolgerung nicht gewagt, weil in der christlichen Religionslehre zur Vergebung der Sünden deren Bewusstmachung der Sünden und Reue über das eigene Verhalten zwingend erforderlich sind?
Nährer: Da wurde ich falsch zitiert: Ich habe in den vielen Interviews der letzten Tage immer wieder deutlich betont, dass Gott auch das Schlimmste vergeben kann, wenn der Sünder aus tiefstem Herzen bereut und sein Leben ändert. Eine billige Gnade ohne Reue und Umkehr, wie es von Seiten der Kritiker der christlichen Kirche vorgeworfen wird, gibt es aber nicht.
In einer Ihrer Zeichnungen haben Sie den Satz gestaltet: „Sollte ich nicht direkt in den Himmel kommen, dann wäre ich wirklich sehr enttäuscht.“ Ist für Sie Vergebung und Erlösung eine direkte Folge für ein gutes oder auch reuevolles Leben auf Erden?
Nährer: Die Sätze und Aussagen, die ich in meinen Arbeiten verwende, beziehen sich nicht immer zwangsläufig auf mich oder mein Leben, sondern geben teilweise den Volksmund oder allgemeine Ansichten wieder.
Ich würde Ihre zweite Frage in folgende Aussage umformulieren, nämlich: Vergebung und Reue sind primär Vorraussetzungen für ein erfülltes und glückliches Leben, schon hier auf Erden.
Welche Aufgabe hat christliche Kunst nach Ihrem Verständnis?
Nährer: Die sperrigen und auch nicht immer leicht verständlichen Botschaften Jesu Christi den Menschen nahe zu bringen und sie damit zu berühren. Aber mit den zeitgenössischen Ausdrucksmöglichkeiten des 21. Jahrhunderts.
Zum Thema:
21:37
Er wollte halt mal einen Bericht über sich in einer Deutschen Zeitung lesen -> Mission Completed!
12:44
Er hätte lieber ein Gretchen mit langen blonden Zöpfen gemahlt........
09:12
Verbrennen, dieses angebliche Kunstwerk.
Der Hersteller konnte anscheinend nicht anders Aufmerksamkeit erregen und vermochte im Vorfeld nicht mit Kunst zu glänzern.
(Kust kommt halt von Können....*g*)
08:52
Auch wenn mich alle Religiösen jetzt lynchen möchten,
ich frage trotzdem, wo war denn dieser Gott während des jahrelangen Martyriums von Fritzls Opfern?
07:01
Der Typ hat sie nicht alle?! Soll was ordentliches malen und damit sein Geld verdienen! Wen malt er denn als nächstes.....?
18:58
Soetwas wird nicht um der Kunst willen gemalt, sondern des Profites wegen.
18:56
Wer will so was sehen!?
15:53
Wenigstens hat er den Gottesbezug hergestellt. Ansonsten wäre es wieder entartete Kunst laut Kardinal Meissner.
15:36
Geschmacklos
14:40
Dass theologische Themen [...] eigentlich noch nie Motive zeitgenössischen Kunstschaffens waren, ist - äh - Unsinn.