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Debatte Ruhr

 „Herne near Düsseldorf“

20.02.2012 | 20:06 Uhr
 „Herne near Düsseldorf“

Essen.   Der Geograph, Metropolen- und Ruhrgebietsexperte über die Eigenarten der Region: Eine klassische Metropole können wir nicht sein, aber das brauchen wir auch nicht: „Es ist ein gewaltiger, vielseitiger Aktionsraum mit vielen liebenswerten kleinen Welten.“

Das Wort von der „Metropole Ruhr“ geht heute manchem schon leicht über die Lippen, anderen kommt er immer noch ein wenig vollmundig vor. Wir sprachen über das Thema mit einem, der’s wissen muss: Prof. Bernhard Butzin ist nicht nur Metropolenforscher, sondern kennt auch das Ruhrgebiet, als Wissenschaftler und Einwohner.

Wir fragen Sie ganz direkt: Sind wir eine Metropole?

Bernhard Butzin: Eine Metropole im gängigen Verständnis, das kann mit dem Ruhrgebiet gar nicht gehen. Das bedeutet nur ein ewiges Hinterherhecheln hinter den klassischen Metropolen. Das brauchen wir nicht, das schaffen wir auch nicht.

Südafrika und Revier

Bernhard Butzin lehrt Wirtschaftsgeographie, Raumplanung und Regionalentwicklung; er forscht über das südliche Afrika und das Ruhrgebiet. Er promovierte 1975 in Bochum und habilitierte sich 1986 in Münster. 1985-1990 Professor in Münster, dann bis 1992 an der TU München und von 1993-2010 an der Ruhr-Universität Bochum.

Wo positioniert sich diese Region dann?

Prof. Bernhard Butzin

Auch wenn Globalisierung ein abgenutztes Wort ist: Wir müssen stärker denn je über die Konkurrenz von Regionen reden. Das können etwa Shanghai und Kopenhagen sein, das sind die neuen Konkurrenten. Damit weiß bislang kaum einer umzugehen, auch kein Politiker. Wir erleben eine massive Umbruchzeit. Vielleicht sogar eine, wie die Welt sie nur alle paar hundert, alle paar tausend Jahre erlebt: das geballte Zusammentreffen von Klimawandel, Bevölkerungsentwicklung, von neuen Wertgefügen, von Demokratie, die an ihre Grenzen stößt und dem Diktat der Finanzwirtschaft. Sich darum zu kümmern, was unsere Region in diesen Zeiten sein kann, heißt experimentieren - aber bitte mit Leitplanken!

Es gab ja mal die Bewegung für eine Ruhrstadt.

Das ist ein Versuch gewesen, eine Identität zu schaffen, aber von außen, wie eine Käseglocke, die übergestülpt wird. Da ist kein Wir-Gefühl. Das ist ein fehlgeleiteter und fehlleitender Gedanke.

Denkt, fühlt der Revierbürger regional?

Vor Jahren habe ich eine große Untersuchung geleitet über das Regionalbewusstsein im Ruhrgebiet. Da wir von der Uni Münster kamen, haben die Leute uns als erstes gezeigt, wie grün es hier ist. Ungefragt. Dann haben Sie uns, ebenfalls ohne dass wir gefragt hätten, gesagt: „Wir leben hier wie im Paradies“. Sie haben also das ganze Negativbild vorweggenommen. Und wenn wir nach unschönen Gegenden fragten, lagen die immer in der Nachbarstadt. Es kam vor allem heraus: Man fühlt sich etwa in Herne nicht als Herner, sondern als Sodinger oder Baukauer.

Wo bleibt da das Ruhrgebiet?

Es ist da. Alle haben etwas sehr Ähnliches über ihr Verhältnis zum Ruhrgebiet gesagt: „Ich lebe gerne hier!“ Ruhrgebiet, darauf kann man spielen wie auf einer Klaviatur, vom tiefsten schwarzen Jazz in Duisburg bis zur Netrebko-Gala im Aalto. Diese Spannbreite haben wir auch im Einzelhandel, im Sport und anderen Sparten. Das ist eine Qualität. Es ist ein gewaltiger, vielseitiger Aktionsraum mit vielen liebenswerten kleinen Welten.

Wo müssen wir dann hin?

Wenn überhaupt, kann es nur eine „andere“ Metropole sein. Klimagerecht, vorausweisend in Sachen gesellschaftlicher Integration und neuer Energie. Das wären Visionen, darauf würde die Welt schauen. Wir müssen ein Kontrast zur Konkurrenz sein, die wir nie erreichen können. Unsere Metropole hat viele Zentren. Das ist eine potenzielle Stärke. Leider haben wir bis heute keinen Weg, diese Stärke auszunutzen. Zwischenstädtische Kommunikation gibt es kaum. Sie ist nicht gewollt, beonders angesichts leerer Kassen. Noch heute ist ja ein Stadtvater stolz darauf, wenn er seiner Nachbarstadt mit Tricks den neuen Lidl 200 Meter über die Ortsgrenze weggezogen hat.

Kann man Metropole sein, ohne einen Kern, ein Zentrum zu haben?

Wir müssen realistisch sein: Zu einem solchen Konstrukt hat das Ruhrgebiet keine Chance. Man muss fragen: Ist der Weg zu einer Metropole Ruhr überhaupt gangbar. Wissen Sie: Metropolen-Diskussionen interessieren Experten. Aber nicht die Oma mit der Plastiktüte. Wirtschaftsführer möchten die Metropole Ruhr, Funktionäre, Politiker auch – zur Förderung des eigenen Images. Metropolendiskussionen sind gemacht von Experten für Experten.

Sie sehen unter diesem Aspekt auch Zollverein kritisch.

Zollverein ist ohne Zweifel ein wichtiges Wahrzeichen, touristisch gelungen, aber natürlich ein Werk der Expertokratie. Da haben sich Menschen aus Wirtschaft und Politik überlegt, womit sie überregional Strahlkraft erreichen. Sie haben ein möglichst lautes und weit strahlendes Signal gesetzt. Aber es bleibt eine gemachte, gewollte Situation. Der Leuchtturm leuchtet, aber wie jeder andere lässt er seine Umgebung im Dunkel. Über dieses Machertum kann man die Bevölkerung nicht mitnehmen. Man wirkt nach außen, aber nicht nach innen. Das ist schön für Unternehmer, für die japanische Architekturgruppe, aber sonst? Wir haben den Stadtteil mal kartiert – zwei, drei „Bed & Breakfast“ gibt es in Katernberg. Das ist alles, was für den Stadtteil herausgekommen ist! Punkt. Das ist traurig, denn das ist ja der Ort, „wo Oppa ma’ gearbeitet hat“. Für die Lokalbevölkerung hat man nichts geschaffen, außer zu teuren Capuccino.

Am 15.02.2012 erläutert der Geologe und Städteforscher Prof. Bernhard Butzin den Begriff Metropole und stellt eine Beziehung zum Ruhrgebiet her. Foto: Matthias Graben / WAZ FotoPool

Wir wagen zu widersprechen. Revierbürger sind doch ein wenig stolz auf die Zechen-Skyline, auf das Hüttenwerk Meiderich und Co.?

Sie sind es und das ist gut so und wichtig! Das sind Verdienste der Internationalen Bauaustellung um Karl Ganser. Wir müssen aber auch fragen, wann die Sehnsucht nach solchen Symbolen, diesen Eiffeltürmen sozusagen, so groß ist. Die habe ich auf Mallorca, wenn mich ein Engländer fragt: „Wo kommst du her?“ Da sagt man: „Herne, near Düsseldorf“ – und das ist natürlich für einen Revierbürger nicht schön.

Wie lange hätte die Kulturhauptstadt dauern müssen, um nachhaltig zu wirken?

Man hat ihr nicht die Chancen gelassen, die sie in sich birgt. Man hätte den längeren Atem gebraucht. Der Umgang mit der Ressource Zeit ist leider ungekonnt, Wirtschaft und Politik leben das vor. Das hat längst abgefärbt. Nachhaltigkeit ist ja schon fast vom Mode- zum Schimpfwort geworden, leider.

Sind Festivals deshalb so beliebt? Man brennt sie kurz ab und hat ein schönes Feuerwerk?

l

Ja, wir haben eine Festivalisierung der Stadtentwicklung. Überhaupt werden zunehmend kurze kleine Formate gesucht. Heute Kulturhauptstadt, morgen feiert der Initiativkreis plötzlich Bottrop. Das sind alles kleine,. handhabbare, aber kurzatmige Formate. Sie sind als Experimente durchaus sinnvoll, aber letztlich ist das eine Fahrt ohne Leitplanken. Von Bündelung der Kräfte keine Spur.

Wie ändern wir das?

Mit Mut zum Anderssein und -werden. Das braucht Zeit. Die Marke, nach der man sucht, die muss „echt“ sein. Das Persil, das draufsteht, muss drin sein. Das Ruhrgebiet darf keine Inszenierung sein.

Es gibt aber durchaus Kreise, die an der Zukunft der Region laborieren.

Gut so! Würden die „Labore“ nur mit- statt gegeneinander arbeiten! Das Sich-Kümmern um die Zukunft des Ruhrgebietes ist selten uneigennützig. Natürlich findet sich immer ein Politiker oder Unternehmer, der sich einen Orden anheften will.

Sie haben die Welt bereist, von Megacities bis zur Wüste. Worauf freuen Sie sich, wenn Sie ins Ruhrgebiet kommen?

Auf eine Lebenswelt, in der ich mich zu Hause fühle, auf die normalen Menschen zwischen Theke und Fußballplatz, die stehen für Spaß und Freude. Auf die nicht-extravagante Landschaft, auf diese solidarischen Netzwerke, auf echte Menschen. Als Wissenschaftler aber auch auf eine der spannendsten Regionen der Welt.

Aber Sie leben nicht in einer Metropole.

Als Experte reizt es, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Aber ich persönlich brauche keine Metropole. Ich wohne in Oer-Erkenschwick.

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Kommentare
22.02.2012
12:43
 „Herne near Düsseldorf“
von Nobby.Brinks | #4

60 Auto-Kilometer westlich von Herne-Holthausen sieht die Welt völlig anders aus. Die Bezeichnung Ruhrgebiet, Ruhrpott oder einfach Pott ist schlicht unpassend. Es ist die Region Niederrein.

Das Ruhrgebiet wirkt hier nur noch wie eine Käseglocke, von oben draufgestülpt. Das wird die Politik auch nicht ändern. Eine Identität stiftende Verwaltungseinheit über künstliche Grenzen, eine Ruhrstadt von Alpen bis Fröndenberg, kann die Politik nicht erzeugen.

Am Niederrhein ist man schon weiter. Gependelt wird nach Düsseldorf. Der Niederrheiner wird auch nicht von der Düsseldorfer Bezirksregierung fremdbestimmt und zum Fußball geht es nach den Borussen nach Glattbach wie auch nach Schalke.

22.02.2012
01:15
 „Herne near Düsseldorf“
von Krieger_Alf | #3

@haraldbeisemann Düsseldorf ist von Essen, Mülheim an der Ruhr und Duisburg schon zu sehen. So weit kann Düsseldorf dm nach nicht entfernt sein.

Und Frau Kraft trug im Spiel Borussia Mönchengladbach - Schalke 04 einen Schal von Borussia Mönchengladbach.

21.02.2012
16:43
 „Herne near Düsseldorf“
von haraldbeisemann | #2

Viele können es einfach nicht hören, das Geschwafel von der Metropole Ruhr, von der Zeche Zollverein, die irgendwo im Essener Norden liegt, so schön sie als Industriedenkmal auch ist. Solange es die Politik nicht auf die Reihe bekommt und eine wirklich Identität stiftende Verwaltungseinheit hinbekommt, sind alle künstlichen Bemühungen jeglicher Initiativkreise relativ wirkungslos. Es kann doch nicht sein, dass wir auch heute noch für das Ruhrgebiet die drei Regierungsbezirke Münster, Arnsberg und Düsseldorf haben. Im Münsterland, im fernen Sauerland und im Rheinland angesiedelt.

Das einfache Volk ist da schon wesentlich weiter. Ob man nun die Bezeichnung Ruhrgebiet, Ruhrpott oder schlicht und einfach Pott nimmt: Die Menschen im Revier kennen ihre Heimat, das Revier. Nicht umsonst schallt angesichts der Rivalitäten und auch nicht ohne Stolz und je nach Tabellensituation der Slogan „Die Nr. 1 im Pott sind wir!“ durch die Arenen von Dortmund Schalke oder, das gab es auch mal, Bochum.

21.02.2012
15:55
 „Herne near Düsseldorf“
von Nobby.Brinks | #1

Voerde near Düsseldorf!

Herne near Düsseldorf ? Düsseldorf ist für die gesamte Region Niederrhein besser zu erreichen, als Herne. Für die Region Niederrhein stimmt die Aussage nicht.
Es muss lauten: Voerde near Düsseldorf!
Von daher ist eine Rhein-Ruhr-Region das Beste, was dem Ruhrgebiet passieren kann.
Ansonsten hat der Geograph, Metropolen- und Ruhrgebietsexperte Bernhard Butzin durchaus Recht. Die Metropole Ruhr, die Ruhrstadt, die Identität des Ruhris wirkt wie eine Käseglocke. Übergestülpt über das gesamte RVR-Gebiet. Mit den Bürgen am Niederrhein, im Westfälischen spricht keiner. Innerhalb der Käseglocke wird alles zu Käse. Widersprüche werden nicht geduldet.
Zollverein wird zum Symbol der Identität, Aufgeblasen zu einer gigantischen Kohlenstaubwolke.

Das niederrheinischen Alpen, das westfälische Fröndenberg, Ennepetal und andere keine Ländliche Gemeinden wollen sich nicht unter dem Symbol Zollverein einzuordnen.

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