Herlinde Koelbl zeigt Schießscheiben mit Dekolleté

Bilder der renommierten Fotografin Herlinde Koelbl von militärischen Schießübungen in aller Welt - wie hier im Libanon - zeigt die Bundeskunsthalle in Bonn.
Bilder der renommierten Fotografin Herlinde Koelbl von militärischen Schießübungen in aller Welt - wie hier im Libanon - zeigt die Bundeskunsthalle in Bonn.
Foto: Bundeskunsthalle
Was wir bereits wissen
Die Bonner Bundeskunsthalle präsentiert „Targets“ von Herlinde Koelbl: Die Franzosen schießen auf einen Pappkameraden im Tarnanzug und die Vereinigten Arabischen Emirate üben das Totschießen an einer blonden Puppe mit nackten Beinen – Koelbl hat Übungen rund um den Globus besucht.

Bonn.. Herlinde Koelbl ist bekannt dafür, dass sie nicht nur einmal zielt und dann ihre Fotos „schießt“, sondern mehrfach und lange. Kritische Langzeitstudien wie über „Das deutsche Wohnzimmer“, über die Spuren, die das Glück in den Gesichtern der „High Society“ hinterlässt oder darüber, wie nachhaltig die Macht die Mächtigen verändert, haben sie zu einer wichtigsten Fotografinnen der Republik gemacht. Jetzt zeigt die Bundeskunsthalle in Bonn „Targets“. Für diese Serie hat Koelbl, die gestern 75 Jahre alt wurde, jahrelang Zielscheiben in aller Welt fotografiert.

Die Franzosen schießen auf einen Pappkameraden im Tarnanzug, die Nordafrikaner auf blanke Ölfässer; die Vereinigten Arabischen Emirate üben das Totschießen an einer blonden Puppe mit nackten Beinen, die Amerikaner haben lange auf etwas Grünes angelegt, das aussah wie Wladimir Klitschko, nur mit rotem Stern am Helm. Mittlerweile sind die Zielscheiben orientalisch gekleidet und haben eine dunkle Haut wie viele „Targets“ auf deutschen Truppenübungsplätzen auch. In der Westsahara und bei der PKK im Nordirak hat man lediglich per Filzstift Zielkreise auf ein Stück Papier gekrakelt. Im Libanon trägt der Feind ein tiefes Dekollete und eine Pistole in der Hand. Die Schweiz dagegen legt auf einen abstarkten Torso an: kein Feind in Sicht. Es fragt sich, ob die ukrainische Armee auch heute noch auf futuristische Figuren ohne Gesicht feuert.

Fotos, die angreifen und eingreifen wollen

Dreißig Jahre lang hat Herlinde Koelbl Truppenübungsplätze in aller Welt bereist und den skeptischen Militärs Fotogenehmigungen abgetrotzt, um diese Dokumentation zu erstellen. Eine Serie ohne Actionszenen, ohne Blut, Schweiß und Tränen, stattdessen mit umgekippten Feind-Dummies, zerfetzten menschlichen Silhouetten aus Sperrholz oder von Projektilen durchsiebte Metallplatten.

Umfrage Das sind keine kunstvollen Meisterporträts, wie wir sie von ihrer Serie über jüdische Intellektuelle kennen. Oder von ihren journalistischen Arbeiten für den „Stern“, die „Zeit“ oder die „New York Times“. Aber es sind Fotos, die angreifen und eingreifen wollen. Die Monotonie, die sich, wie so oft bei konzeptuellen Arbeiten, trotz wechselnder Perspektiven und Formate von hinten anschleichen will, hat sie durchbrochen, indem sie auch Soldaten ein Gesichnt und eine Stimme gibt

„Als Soldat bin ich bereit, jemanden zu töten, aber auch getötet zu werden. Das gehört zum Geschäft“, wird einer zitiert. Das klingt cool, während ein anderer sich schuldig fühlt, weil jemand aus seiner Einheit getötet wurde; womöglich macht er sich Gedanken darüber, ob der Kamerad noch leben könnte, hätte man nur am Schießstand mehr geübt. Es sind nie Pappkameraden, die auf Pappkameraden schießen, sondern immer Menschen, die einen klaren Befehl haben, einen besonderen Beruf und – Angst.

Videoinstallation rüttelt Besucher auf

Vor der Stille nach dem Einsatz und vor dem Feind. Die Stille bleibt, aber das Feindbild ändert sich. Wo ist er denn, der Feind, wie sieht er aus in Zeiten der „asymetrischen Kriege“? Der Feind ist überall, und es könnte jeder von uns sein.

Ganz am Ende rüttelt die Ausstellung den Besucher noch einmal emotional ordentlich durch: Da findet er sich in einer Videoinstallation wieder. Vor und hinter, rechts und links von ihm wird geschossen, gerannt, geschrien, kippen Zielscheiben um; es rattert, knallt und hagelt Gewalt von Videowänden.

Vielleicht gewöhnt man sich ja daran, und der Soldat hat Recht, der gesagt hat: „Es klingt grausam, aber das Tötenlernen muss automatisiert werden, um zu funktionieren.“ Mit dem Sterbenlernen fällt das sicher schwerer.