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Heitertraurig mit Alzheimer

29.10.2008 | 19:40 Uhr

ROMAN. Stefan Merrill Block macht das Schwere leicht: "Wie ich mich einmal in alles verliebte".

Einer der schönsten Buchtitel der Saison, aber er führt in die Irre: "Wie ich mich einmal in alles verliebte" ist nämlich ein Buch über Alzheimer, dessen Original-Titel (etwa "Die Geschichte des Vergessens") auch nur halb richtig ist. Denn dem 26-jährigen Stefan Merrill Block ist ein grandioser Bastard aus Roman und Wissensbuch gelungen. Ein großer Erzähler lässt hier lebenspralle Figuren aus den Buchseiten in unser Wohnzimmer spazieren, wo sie auf einem Teppich aus gut recherchiertem Wissen jene Kapriolen schlagen, die man gemeinhin Leben nennt. Normalerweise würde man es als irritierend, ja störend empfinden, dass die Grenze zwischen Fakten und Erfindung fließend ist - hier kommt sie ins Schwimmen und fühlt sich an wie ein erfrischendes Bad an einem Sommertag.

Der Lord und die Krakel im Buch des Lebens

Das ganze Buch schlängelt sich um die (erfundene, aber mit echten Symptomen beschriebene) Alzheimer-Variante EOA-23; deren Tücke besteht darin, dass sie extrem früh ausbricht, ab dem 30. Lebensjahr. Diese tieftraurige Mitte umkreist Stefan Merrill Block mit einer Tonlage, deren Trotzgehalt sich vollständig in Humor verwandelt hat.

Es beginnt burlesk und gefühlswarm mit der so heftigen wie kurzen Affäre des jungen Abel mit seiner Schwägerin Mae, die eine Tochter zur Folge hat - nach ihr wird Abel irgendwann für den Rest seines Lebens suchen, bis er ein alter, verschrumpelter Kauz ist; und da ist Seth, der mit Schrecken erkennt, dass seine Mutter mit gerade mal 35 an Alzheimer erkrankt - er wird für den vorläufigen Rest seines Lebens versuchen, ein Mittel gegen Alzheimer zu finden.

Abels und Seths Geschichten mendeln sich äußerst geschmeidig um fünf Kapitel der "Genetischen Historie" von Alzheimer EOA-23, an deren Beginn der englische Lord Mapplethorpe steht, bei dessen Erzeugung einige äußerst innovationswillige Ribonukleinsäuren auf dem Chromosom 14 herumrebelliert haben, um im Buch des Lebens ein bisschen herumzukrakeln. Lord Alban Mapplethorpe begann mit Mitte 30, mehr und mehr zu vergessen - und er vergaß vor allem sozusagen über Nacht, wer gestern noch seine Geliebte war. So bescherte der blendend aussehende Lord der Damenwelt von Iddylwahl unzählige unvergessliche Stunden und insgesamt 60 Kinder, die EOA-23 aus Iddylwahl hinaus und in die weite Welt hineintrugen. Wenn es wissenschaftliche Schnurren gibt, dann ist dies eine der schönsten.

Ein Buch für Alzheimer-Betroffene? Für Verwandte von Erkrankten? Oder doch eher eines für Menschen, die Einblick suchen in die verdrehte Schicksalswelt von Patienten und Angehörigen? Ein Buch für Forscher? Eines für Studenten? Ja, ja, ja, ja, ja. Wie hieß es noch gleich? Ach ja:

Stefan Merrill Block: Wie ich mich einmal in alles verliebte. Roman. Aus d. Engl. von Marcus Ingendaay. Dumont, 348 S., 19,90 E.

JENS DIRKSEN

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