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Interview

Heinz Strunk: Die Feuchtgebiete des Mannes

15.01.2009 | 17:55 Uhr

Heinz Strunk (46) ist eine der eigenwilligsten Stimmen seiner Generation. Sein Debütroman „Fleisch ist mein Gemüse” verkaufte sich 400 000-mal. Der neueste Coup des Hamburgers („Fleckenteufel”) liest sich wie die männliche Antwort auf Charlotte Roches "Feuchtgebiete".

Herr Strunk, im Leben Ihres Helden Thorsten (16) spielen Selbstbefriedigung, homoerotische Fantasien und Verdauungsprobleme eine zentrale Rolle. Sind Ähnlichkeiten mit lebenden Personen beabsichtigt?

Strunk: Ich schöpfe auch in diesem Fall wieder aus meiner eigenen Biografie. Die beschriebene Episode liegt schon über 30 Jahre zurück. Ich glaube auch, dass viele Jungs zwischen 12 und 16 zwar wissen, dass sie nicht schwul sind. In ihrer Sexualität sind sie aber oft noch indifferent. Meine Begehrlichkeiten schwankten damals durchaus hin und her.

Beim Liederabend mit christlichen Songs hat Thorsten ein echtes Schlüsselerlebnis. Hat die Begegnung mit der Kirche bei Ihnen als Teenager Ähnliches bewirkt?

Strunk: Ich selbst hatte bei christlichen Jugendfreizeiten ganz intensive Lagerfeuer-Erlebnisse. Das war, als säße Jesus mit in der Runde. Das hat in meiner Biografie einen Wert, und deshalb wollte ich es in dem Buch unbedingt drin haben. Es war eine schöne Erfahrung, diese Lebensphase jetzt aufarbeiten zu können. Ich habe Sie immer als langweilig und trüb empfunden.

Wollten Sie bewusst auch über Abseitiges schreiben?

Info
Heinz Strunk auf Lesetour

7.3. Mönchengladbach (Kunstwerk)

18.3. Köln (Frankenwerft)

31.3. Soest (Bürgerzentrum)

21.5. Münster (Gleis 22)

Karten gibt es für ca. 15-18 € in unseren TICKET-SHOPs, 01805/280123, www.DerWesten.de/tickets

Der Roman „Fleckenteufel” (Rowohlt) erscheint am 16.1.

Strunk: Vieles vom dem, was gemeinhin als abseitig empfunden wird, ist für mich relativ normal. Ich halte nichts von falschen Tabus und Begrenzungen. Meine Parameter sind Selbstbestimmung, Souveränität und Freiheit. Deswegen lebe ich auch allein. Das soll aber nicht bedeuten, dass ich schlechte Manieren habe. Im Gegenteil. Für mich selber finde ich das Bild des Gentleman erstrebenswert.

Achten Sie dann auch sehr auf Ihr Äußeres?

Strunk: Durchaus. Ich bin 46 Jahre alt und habe ein Publikum, das im Schnitt 20 Jahre jünger ist. Wäre ich ein schwitzender, ältlicher Schmerbauchtyp, würden wahrscheinlich andere Leute kommen. Dann würde ich auch andere Sachen machen. Ich bin ein Anhänger der These, dass Autoren so aussehen, wie sie schreiben. Das Leben, das Denken und die Intellektualität schnitzen die Physiognomie.

Sind eigene Kinder für Sie eine Option?

Strunk: Das will ich nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, ein Kind jeden Tag zur Schule zu bringen. Leuten wie mir wird immer Egoismus unterstellt. Ich leiste aber auf meine Art und Weise etwas für die Gesellschaft. Das, was ich weiterzugeben habe, verbreite ich über meine Kunst.

Brauchen wir Bücher wie „Fleckenteufel”, um entspannter mit unserer Sexualität und unserem Körperempfinden umgehen zu können?

Strunk: Was das angeht, bin ich eh ziemlich entspannt. Bei „Fleisch ist mein Gemüse” empfanden es viele Leser als befreiend, wie unprätentiös ich über körperliche Sachen schreibe. Wenn ich eine Art Aufgabe in der Literatur habe, dann besteht die wohl darin.

Ihr Verlag wirbt mit dem Spruch „Die Feuchtgebiete des Mannes”. Auch das Buchcover erinnert an Charlotte Roches Bestseller...

Strunk: Ich bin durch „Feuchtgebiete” inspiriert worden, das Buch zu schreiben. Ich habe zehn Jahre Hörspiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit gemacht und mich dabei mit diesen vermeintlich ekligen Themen beschäftigt. Eigentlich hatte ich das bereits aufgegeben, aber durch „Feuchtgebiete” kam mir der Gedanke, das Thema noch einmal literarisch zu verwursten. Wir überlegen aber, uns bei der nächsten Auflage von dem Cover wieder zu verabschieden.

Olaf Neumann

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