Heiner Geissler will "Diakonie und Caritas vereinen"

Das Denkmal für den Kirchenreformator Martin Luther (1483-1546) in Eisenach.
Das Denkmal für den Kirchenreformator Martin Luther (1483-1546) in Eisenach.
Foto: dpa
Heiner Geissler schreibt ein Buch über Martin Luther - und macht daraus praktische Vorschläge zur Wiedervereinigung der beiden christlichen Konfessionen.

Hagen.. „Wenn man es mit der Ökumene ernst meinte, dann müsste man eigentlich dort beginnen, wo es am selbstverständlichsten ist, nämlich bei Caritas und Diakonie.“ Wann immer der CDU-Politiker Heiner Geissler in den vergangenen Jahrzehnten das Wort genommen hat, so war dies in Klartext formuliert. Streitbar, mitunter auch durchaus rücksichtslos, aber intelligent und also zumindest bedenkenswert.

Nun hat der inzwischen 85-Jährige sich die Kirche vorgenommen, genauer gesagt: die beiden noch immer getrennten Volkskirchen. „Was müsste Luther heute sagen?“, fragt Geissler in seinem knapp 300 Seiten starken Buch, in dem sich der einstige Jesuiten-Schüler erstaunlich theologisch bewandert präsentiert. Gleichwohl aber als Laie erfrischend unbekümmert und hartnäckig an den überbrachten Konfessionskrusten auf beiden Seiten kaut.

"Spaltung von damals ist überflüssig"

Im Mittelpunkt von Geisslers Überlegungen steht die historisch-theologische Figur Martin Luthers, die er als eine der wichtigsten Personen der Geschichte begreift, zugleich aber auch Luthers deutliche Schwächen und tragischen Fehleinschätzungen keineswegs verschweigt. Aus dieser kritischen Luther-Betrachtung leitet Heiner Geissler alsdann seine Ökumene-Schelte ab. Und er belässt es nicht nur bei ungeduldigen Anmerkungen, sondern er macht selbst handfeste und sehr praktische Vorschläge, wie die Ökumene wirklich vorangebracht werden könnte. Die Zusammenlegung von evangelischer Diakonie und katholischer Caritas wäre beispielsweise ein Gebot der Vernunft, zugleich aber auch ein weithin wirkendes Signal des guten Willens im noch immer scheinbar unüberbrückbaren Nebeneinander der Konfessionen.

Feiertage „Die Spaltung von damals ist inzwischen nicht nur überflüssig, sondern auch verantwortungslos“, wettert Heiner Geißler den Kirchenoberen entgegen. Der Zeitgeist und mit ihm die Weltöffentlichkeit wende sich zunehmend von den christlichen Kirchen ab, Daher sei es umso wichtiger, ja, überlebenswichtig, künftig mit einer Stimme zu sprechen, um überhaupt noch Gehör zu finden, ermutigt und fordert Geissler.

Auf dem Weg zueinander und miteinander müssen beide Konfessionen Federn lassen, müssen über ihren jeweils eigenen Schatten springen. Davon ist Heiner Geissler ebenso überzeugt wie von der Hoffnung, dass dies wirklich möglich ist: „Ich glaube, dass man den Zug zur Einhalt allenfalls bremsen, aber nicht aufhalten kann.“ Der kritisch-konstruktive Kirchen-Beobachter konstatiert: „Das Papsttum und sein Absolutheitsanspruch bleiben die Hauptschwierigkeit für die ökumenische Verständigung.“ In Papst Franziskus sieht Geissler immerhin eine große Chance auf dem Weg zur Einheit: „Er hat offensichtlich den Willen, die Diskussion in der katholischen Kirche wiederzueröffnen und die Vorherrschaft der dogmatischen Denkweise in Frage zu stellen.“

Hierarchie muss abgebaut werden

„Eine neue gemeinsame Kirche könnte so verfasst sein wie ein föderaler Staat“, schlägt Heiner Geissler forsch vor. In einem derart föderal verfassten Kirchensystem, bliebe der Papst die Führungspersönlichkeit, allerdings als jemand, der „die gemeinsamen christlichen Ziele in der Welt vertritt und sich dabei auf die Gefolgschaft von zwei Milliarden Menschen berufen kann“. Und dann wird Geissler noch kühner: „Mann könnte sich auch einen Wechsel zwischen dem Papst und dem Präsidenten des Weltkirchenrates vorstellen.“

Und Heiner Geissler ist sich auch sicher: „Die Hierarchisierung in der katholischen Kirche muss gestoppt und abgebaut werden.“ Abendmahlsgemeinschaft, Taufe, Priesteramt für Frauen, Laien- oder Priesterkirche - der emsige Autor kennt wirklich kein Tabu, und er nennt auch tapfer die verschiedensten Lösungsvorschläge. In ihrer Gesamtschau sollen sie vielleicht gar alle so radikal umgesetzt werden; sie zeigen aber: Der Weg zur Einheit ist möglich, wenn man nur offen aufeinander zugeht.