Harry Rowohlt ist tot - ein Nachruf auf den Bücher-Hippie

Harry Rowohlt las nicht einfach nur vor: Er erzählte Bücher so, als hätte er die Geschichten darin selbst erlebt.
Harry Rowohlt las nicht einfach nur vor: Er erzählte Bücher so, als hätte er die Geschichten darin selbst erlebt.
Foto: dpa
"Lindenstraßen"-Penner, genialer Übersetzer, höchst genialer Vortragskünstler: Harry Rowohlt, am wenigsten Verlegersohn, starb mit 70 Jahren in Hamburg.

Essen.. „Schausaufen mit Betonung“ nannte Harry Rowohlt seine legendenumrankten Lesungen. Nicht selten blickte er dabei nach satt vier Stunden von seinem Buch auf und rief mit charmant gespieltem Staunen in den Saal: „Ihr seid ja immer noch da!“

Was in Wahrheit aber kein Wunder war. Denn Harry Rowohlt, der beste, originellste Übersetzer aus dem Englischen weit und breit, der Penner „Harry“ aus der Lindenstraße, der sich für seine Rolle weder anders nennen noch umziehen musste, dieser letzte Hippie auf den Kleinkunstbühnen der Republik las nicht einfach nur vor. Mit seinem sonor aufgerauten Brummbass erzählte er die Bücher, als hätte er alles, war darin stand, selbst erlebt. Er plauderte Romane und Kolumnen daher und unterbrach sich dabei selbst so oft wie möglich – mit Einfällen, Anekdoten, Einwänden.

Rowohlt war der „Paganini der Abschweifung“

Schon früh verlieh er sich deshalb selbst den Ehrentitel „Paganini der Abschweifung“. Und nur Ahnungslose konnten glauben, im satt gefüllten Wasserglas zu seiner Rechten befinde sich Apfelsaft – es war in der Regel bester irischer Whiskey.

Angesichts seiner ausschweifenden Lesensgewohnheiten bangten Rowohlts Verehrer schon länger um dieses Naturereignis auf deutschen Bühnen, erst recht, als er 2007 bekanntgab, an der unheilbaren Nervenkrankheit Polyneuropathie zu leiden. Mit dem sofortigen Verzicht auf Alkohol („Ich hab’ immer gewusst, dass ich kein Alkoholiker bin, sondern Säufer!“) hat Rowohlt seinen Tod hinauszögern können – bis zum Montagabend, da ist er daheim in Hamburg-Eppendorf gestorben, 70 Jahre alt.

Ein Übersetzer von Rang und Namen

Geboren wurde er 1945 als Harry Rupp: Da war seine Mutter, die Schauspielerin Maria Pierenkötter, noch mit dem Maler Max Rupp verheiratet. Der Vater des kleinen Harry aber war Ernst Rowohlt, Inhaber des gleichnamigen Verlags, in dem es Harry später nur kurz aushalten sollte, zumal dort inzwischen sein Halbbruder Heinrich Maria Ledig-Rowohlt als großer Bücher-Zampano die Geschäfte dirigierte. 1982 verkauften sie die Bücherschmiede, die ihnen zu gleichen Teilen gehörte, an den Stuttgarter Verlagskonzern Holtzbrinck.

Da hatte sich Harry längst als Übersetzer von Rang einen Namen gemacht, von Untergrund-Comics bis zu Kinderbüchern übertrug Rowohlt so einfallsreich vom Englischen ins Deutsche, dass so manches Buch in Übersetzung noch besser geriet als im Original. Der Erfolg etwa, den Frank McCourts Erinnerungsroman „Die Asche meiner Mutter“ hierzulande erlebte, wäre ohne Rowohlts kongeniale Übertragung des melancholisch-sarkastischen Tons undenkbar gewesen.

Mit mindestens derselben Liebe brachte Rowohlt Kinderbücher ins Deutsche, Klassiker wie „Winnie, the Pooh“ oder „Der Wind in den Weiden“ bis hin zu skurril-anarchischen Reihen wie „Schreckliches Ende“ von Philip Ardagh. Über 125 Bücher waren es zuletzt: Flann O’Brien und Hemingway, David Sedaris und F. Scott Fitzgerald, Shel Silverstein, Andy Stanton, Ken Bruen – von Harry Rowohlt übersetzt zu werden, erwies sich mehr und mehr als Qualitätsstempel für oft extraschräge, hochkomische, in jedem Fall aber gute Bücher. In vielen Fällen noch geadelt dadurch, dass Rowohlt sie auch als Hörbücher einlas.

Großvater „Fränzken“ Pierenkötter stammte aus Bochum

Seine Kolumnen „Pooh’s Corner“ in der „Zeit“ lebten von einem ungeahnt zutraulichen, bekenntnisfrohen und so respektlosen wie höchst persönlichen Ton, der mit hintersinnigem Witz in Nichtigkeiten des Alltags den Kern der Wahrheit freilegte.

Nicht nur in seiner frei erzählten Autobiografie „In Schlucken-zwei-Spechte“ erinnerte sich Rowohlt gern an seinen Großvater „Fränzken“ Pierenkötter, der zu Kaisers Zeiten „Sitzredakteur“ beim Bochumer Volksblatt war, also immer dann ins Gefängnis musste, wenn der Obrigkeit nicht passte, was in der Zeitung stand. „Sagen, was man denkt“ nannte Rowohlt denn auch einmal seine Lieblingstugend, nicht ohne hinzuzufügen: „Und vorher was gedacht haben.“ Harry Rowohlt hat durchaus nachgedacht. Aber mehr noch hat er mit viel Witz und Wissen um das wirklich Wichtige vorgemacht, wie man selbst denkt. Unnachahmlich. Auch deshalb wird er fehlen.

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