Harper Lees neues Buch - Böser Vorläufer der Edelmut-Story

Harper Lees „Wer die Nachtigall stört“ wurde zwei Jahre nach Erscheinung verfilmt. Der angesehene Anwalt Atticus Finch (Gregory Peck) übernimmt die Verteidigung des Farbigen Tom Robinson (Brock Peters), der der Vergewaltigung eines weißen Mädchens angeklagt ist.
Harper Lees „Wer die Nachtigall stört“ wurde zwei Jahre nach Erscheinung verfilmt. Der angesehene Anwalt Atticus Finch (Gregory Peck) übernimmt die Verteidigung des Farbigen Tom Robinson (Brock Peters), der der Vergewaltigung eines weißen Mädchens angeklagt ist.
Foto: imago/United Archives
Was wir bereits wissen
Am Montag erscheint das zweite Buch von Harper Lee, der Autorin von „Wer die Nachtigall stört“. Es könnte ihr erstes gewesen sein. Und macht Furore.

Washington.. Amerikas Nationalroman. Zweitwichtigstes Buch nach der Bibel. Säulenheiligtum im Literatur-Kanon. Standardlektüre für Millionen Schüler. Inspiration für Tausende Anwälte und Richter: Die Liste der Superlative, die Harper Lees „To Kill A Mockingbird“ („Wer die Nachtigall stört“) ein halbes Jahrhundert nach Veröffentlichung und weltweit 40 Millionen verkauften Exemplaren angedichtet werden, ließe sich leicht verlängern. Hinter kaum einem Buch versammeln sich die Vereinigten Staaten bis heute so geschlossen und andächtig wie hinter der Südstaaten-Biedermeier-Saga von Recht und Gerechtigkeit in einem von Rassismus zerfressenen Land.

Entsetzen in der Fangemeinde

Ab morgen steht der kollektiven Verehrung für die Fährnisse der kleine Jean Louise, kurz „Scout“, und ihres titanenhaften Vaters Atticus Finch, dem Gregory Peck in der Filmversion 1962 oscargekrönte Brillanz abrang, eine unerwartete Bewährungsprobe bevor. Denn in „Go Set a Watchman“ (nach dem biblischen „Gehe hin, stelle ein Wächter“), ist nichts, wie es war. Aus dem charakterfesten, weißen Anwalt, der im spießigen Maycomb die Verteidigung eines fälschlicherweise der Vergewaltigung angeklagten Schwarzen übernimmt, ist in Harper Lees Zweitwerk, das 60 Jahre als verschollen galt, ein Ekel geworden, dem Ku-Klux-Klan und der Rassentrennung verpflichtet. Atticus Finch hält Schwarze pauschal für „minderbemittelt und kindlich“.

Wie bitte? Als am Wochenende die vom Verlag HarperCollins zelebrierte Geheimhaltung platzte und erste US-Zeitungen Einsicht in die mit einer Startauflage von zwei Millionen zur Sensation des Jahres hochgejazzten Schrift nehmen konnten, legte sich eine Schockstarre über die Buchgemeinde. „Über Atticus‘ dunkle Seite zu lesen“, schrieb ein Leser aus Lees Heimatbundesstaat Alabama, „das ist so, als erführe man, dass Santa Claus sein Rentier verprügelt.“

Unter den diversen Erklärungs-Versionen klingt eine besonders plausibel. Danach könnte „Go Set A Watchman“ die unliebsame frühe Version von „Wer die Nachtigall stört“ sein. Überliefert ist, dass Lees Lektor Tay Hohoff das 1957 geschriebene Manuskript vom „Wachmann“, das frappierende Ähnlichkeit mit dem später verfassten „Mockingbird“ aufweist, an die Autorin zurückgab. Mit dem Ratschlag, das unversöhnliche Sittengemälde nicht aus der Perspektive einer desillusionierten 26-Jährigen zu schildern, die in ihrer Südstaaten-Heimat Maycomb Bruchstellen zwischen weißen Überlegenheitsfantasien und aufkeimender schwarzer Bürgerrechtsbewegung sieht. Sondern durch die Weichzeichnerbrille einer Achtjährigen, die in den 30er-Jahren fest an das Guteschönewahre glauben will.

Rätselraten um die Motive

Harper Lee tat offenbar wie geheißen. 1960 eroberte die „Spottdrossel“ (mockingbird) Amerika im Sturm. Der „Watchman“ dagegen verschwand im Nirvana. Weil Lee seit Jahrzehnten keine Interviews gibt und Hohoff seit 1974 tot ist, werden die wahren Umstände wohl immer ein Rätsel bleiben.

Bücher Was man dagegen weiß: Lee zog nach einem Schlaganfall 2007 zu ihrer Schwester Alice zurück nach Alabama. In Monroeville, wo Hotels, Restaurants und Krimskramsläden riesigen Reibach mit der Schriftstellerin machen, lebte sie unbehelligt in der Seniorenresidenz Meadows. Stark sehbehindert, beinahe taub, im Rollstuhl und nach allem, was man hört, nicht mehr im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte. Dann kam die erste Februarwoche 2015 und stellte alles auf den Kopf.

Über ihren Vormund, die kapriziöse Anwältin Tonia Carter, geriet die Meldung in Umlauf, ein zweites Romanmanuskript von Harper Lee sei entdeckt worden. Weltwunder! Sensation! Die Verlagsszene verfiel in Schnappatmung. Samuel Pinkus, Lees Ex-Agent, konterte die Story: Er und Carter seien schon 2011 nach Öffnen eines Schließfachs auf „Go Set a Watch­man“ gestoßen. Warum der Rohdiamant nicht damals schon veredelt wurde? Achselzucken. Ob Harper Lee glücklich ist, dass der „Wachmann“ nun ihr eigenes literarisches Denkmal vom Sockel holt? Rätselraten.

In „Wer die Nachtigall stört“ gab Atticus Finch seiner Tochter einen berühmt gewordenen Satz mit auf den Weg: „Man kann einen Menschen nie wirklich verstehen, ehe man in seine Haut klettert und ein wenig in ihr umherspaziert.“ Ab morgen werden Millionen Amerikaner genau das versuchen.