Halbgötter auf hohen Hacken
29.01.2012 | 19:06 Uhr 2012-01-29T19:06:00+0100
Düsseldorf. Ballett-Chef Martin Schläpfer gibt mit „Castor und Pollux“ sein Opern-Debüt und wird gefeiert für seine Barock-Interpretation. Aber auch ihm gelingt es nicht, in der Oper am Rhein die dramatische Energie des Werks mit dem Tanz nahtlos zu verschmelzen.
Nach zwei Komödien vervollständigte die Deutsche Oper am Rhein ihre Trilogie mit Bühnenwerken des französischen Barock-Meisters Jean-Philippe Rameau mit der Tragödie „Castor und Pollux“ aus dem Jahre 1736. Die starke Nähe der französischen Hofetikette zum stilisierten Tanz, zur durchorganisierten Choreografie, hat schon manche Tanz-Größe gereizt, sich mit diesem Opern-Genre auseinanderzusetzen. Ballett-Chef Martin Schläpfer, Publikums- und Presseliebling der Deutschen Oper am Rhein, hat sich mit „Castor und Pollux“ nun auch an seine erste Opernregie gewagt. Das Premierenpublikum zeigte sich begeistert.
Die Seriosität und handwerkliche Meisterschaft Schläpfers ist auch hier über jeden Zweifel erhaben. Dass man dennoch nicht restlos überzeugt das Haus verließ, zeigt, dass auch Schläpfer die dramatische Energie des Werks nicht nahtlos mit dem Tanz verschmelzen konnte. Isolierte Tanzeinlagen spielen bei ihm nur eine Nebenrolle. Interessanter ist die Einbindung der Companie in die Handlung, wovon auch die Sänger nicht verschont bleiben, die von den Tänzern zu ungewohnten Bewegungsabläufen verführt werden.
Die reiche Gefühlspalette der Partitur, die alle Affekte von zarter Liebe über bedrohliche Ängste und Rachegelüste bis zu warmer Großherzigkeit einschließt, kommentieren die Tänzer fleißig und fast allgegenwärtig. Im Grauen des Hades oder der ereignislosen Harmonie des Paradieses macht das Sinn, auch wenn hier mehr illustriert als vertieft wird. In den intimeren zwischenmenschlichen Passagen lenken die als Schattenwesen auftretenden Tänzer häufig ab, wenn sie nicht gerade die Sänger in die Choreografie einbeziehen. Und das gelingt aufgrund des jugendlichen und risikobereiten Ensembles insgesamt erstaunlich gut.
Originelle, aber nicht immer erhellende Bühnenbilder
Zu einer szenischen Einheit kann Schläpfer die verschiedenen Elemente freilich nicht schmieden. Ebenso wenig gelingt das der Designerin Rosalie mit ihren originellen, wenn auch nicht immer erhellenden Bühnenbildern. Den Hades deutet eine bedrohliche, kaum erklimmbare Schräge an, und das Paradies präsentiert sich als Liebes- und Freizeitpark mit einem gewaltigen Bett und zwei gigantischen Federbällen. Die heterogene Staffage aus Göttern, Halbgöttern, Schattenwesen und Menschen scheint sie zudem zu einem Feuerwerk an fantasievollen Kostümen und teils halsbrecherisch hohen Schuhen angeregt zu haben.
Brüder, die selbstlos auf Liebe und Leben verzichten
Rameaus Oper von „Castor und Pollux“, einem der ganz wenigen friedlichen Brüderpaaren, das selbstlos auf Liebe und Leben verzichtet, erklärte Generalmusikdirektor Axel Kober zur Chefsache. Am Besten gelingen ihm zusammen mit der „Neuen Düsseldorfer Hofmusik“ die raschen tänzerischen Sequenzen, auch wenn sich noch mehr Vorwärtsdrang und Schärfe vorstellen ließe. In den ruhigeren Partien verliert sein Dirigat an rhythmischer Prägnanz und innerer Spannung. Das schmälert nicht die Leistungen des exzellenten Ensembles mit einem äußerst präsenten, stimmlich taufrischen Günes Gürle als Pollux. Tenor Jussi Myllys brauchte einige Zeit, bis er seinen schönen, runden Tenor als Castor entspannt zur Geltung bringen konnte.
Großer Premierenapplaus.
Termine: 31. Januar und 2., 5., 14., 18., 23., 26. Februar
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