Hahnenschrei

Es ist ja gar nicht der ewige Regen mit Schneeklatsch und Graupel, und es sind auch nicht die unaufhörlichen Stürme, die einem die Petersilie verhageln. Aber die Dunkelheit, die frisst an der Seele. Was gäbe ich nur für ein bisschen Licht. Morgens im Finsteren aufstehen und abends im Düsteren zurückkommen, das liegt mir inzwischen auf dem Gemüt.

Alle Jahre wieder überrascht einen der Januar mit deprimierenden Erkenntnissen. Nach den Sommerferien ist man stracks auf Weihnachten zugerannt und konnte kaum Luft holen. Und wenn der Christbaum dann im Schredder ist, meint man, den Frühling schon riechen zu können. Von wegen.

Aus dem Rhythmus

Der Januar ist ein Monat, der den gewohnten Rhythmus anhält. Zu keiner Zeit sonst im Jahr dreht sich die Welt so langsam. Das kann man schön an den Deko-Regeln fürs traute Heim festmachen. Die Sonnenblumen werden praktisch über Nacht von Kürbissen und die wiederum von Lichterketten abgelöst.

Und jetzt? Keine Wohnzeitschrift verrät, wie man munter durch den Januar kommt, vielleicht weil keine Hausfrau derzeit besonders viel Geld für Klimbim ausgeben würde, nachdem die Weihnachtsgeschenke gekauft und die Versicherungen bezahlt sind. Im Dezember wirkt es kuschelig, wenn man bei Kerzenschein zum Nachmittagskaffee bittet, während draußen der Tag schnell zur Nacht wird. Im Januar sind alle auf Diät.

Staubmäuse und Spinnweben

Theoretisch soll es ja gut tun, mal einen Gang zurückzuschalten. Dafür ist der Winter da. Die Natur ruht still, wir sollten ebenfalls innehalten. Doch wer weiß denn noch, wie das geht? Wir sind so darauf trainiert, ein Jahr als immer schnellere Abfolge von Großereignissen zu betrachten, dass uns dieser Monat schlicht endlos vorkommt. Draußen kann man noch nichts tun. Drinnen übersieht man beim Saugen wegen der Dunkelheit Staubmäuse und Spinnweben.

Persönlich bin ich immer wieder überrascht, wie tief das Loch ist, das sich nach den Feiertagen auftut – obwohl jeder aus Erfahrung weiß, dass es kommt. Ein Rezept gegen den Januar-Blues habe ich bisher nicht gefunden. Neue Sommersandalen kaufen? Die Geschäfte verramschen immer noch die Winterware.

Unsere Oma, die Bäuerin, war da optimistischer. Sie hat das wieder zunehmende Tageslicht praktisch Millimeter um Millimeter gefeiert. „Täglich einen Hahnenschrei“, so lautete ihre Regel für den Januar. „Wie misst man denn ein Kikeriki?“, wollte ich früher wissen. „In Sekunden“, lautete die Antwort.

Da wünschen wir also allen Gockeln der Region möglichst kräftige Lungen!