Hagener Osthaus zeigt den ganzen Hundertwasser

"Lebenslinien" von Friedensreich Hundertwasser im Karl Ernst Osthaus Museum Hagen.
"Lebenslinien" von Friedensreich Hundertwasser im Karl Ernst Osthaus Museum Hagen.
Foto: Michael Kleinrensing
Die erste große Retrospektive seit fast 20 Jahren: Die „Lebenslinien“-Schau im Osthaus-Museum zeigt den ökologischen Rundumkünstler.

Hagen.. Für Adolf Loos, den Wiener Architekten und Kunst-Theoretiker der Jahrhundertwende, war das Ornament „entweder eine Rückständigkeit oder eine Degenerationserscheinung“. So trug denn seine Kampfschrift für die Moderne auch den Titel „Ornament und Verbrechen“. Erst vor diesem Hintergrund lässt sich ermessen, welch revolutionären Sprengsatz der Universalkünstler Friedensreich Regentag Dunkelbunt Hundertwasser legte, als er dagegenhielt: „Die gerade Linie ist nicht nur seelenlos, sie ist auch gottlos.“

Licht- und Farbkonzept

Die hohe Zeit des fröhlichbunten Ornamentalmalers, der unter dem Namen Friedrich Stowasser 1928 in Wien zur Welt gekommen war, mag seit seinem Tod im Jahre 2000 an ein Ende gekommen sein. Sein Wirken als Universalkünstler aber macht ihn zum idealen Kandidaten für eine Ausstellung im Hagener Osthaus-Museum, das ihn nun in einer Retrospektive mit 130 Arbeiten würdigt.

„Wir zeigen wirklich den ganzen Hundertwasser“ sagt Osthaus-Direktor Tayfun Belgin stolz und verweist auf Bilder, Grafiken, Zeichnungen, Modelle, Bucheinbände, Münzen, Keramiken, Collagen und Tapisserien. Ja, selbst eine Pflanzenkläranlage sowie eine Humus-Toilette von Hundertwasser sind zu bestaunen: Der Ökologie, der sich der Künstler auch im Lebensalltag intensiv gewidmet hat, ist eine ganze Abteilung reserviert. „Wir sind nur Gast der Natur“, hat Friedensreich Hundertwasser stets gemahnt. Und programmatisch hinzugefügt: „Jeder Baum mehr ist eine Chance mehr.“

Wie ein kunterbunter, kunstvoller Dschungel

Den Besucher empfängt die kunterbunte, einer kunstvollen Dschungelszenerie nachempfundene Hundertwasser-Schau mit gedämpftem Licht und einem besonderen Farbkonzept: blaue, violette und anthrazitfarbene Wände betonen die Wirkung der Werke. „Meine Farben strahlen aus dem Dunkeln“, hat Hundertwasser einmal gesagt – hier kann diese Wirkung in einer berührenden, fast mystisch anmutenden Märchen- und Ideenwelt bestaunt werden. Dass die Bilder auf speziellen Vorrichtungen gut zehn Zentimeter von den Wänden abgerückt hängen, entspricht ebenfalls einem eigensinnigen Hundertwasser-Anliegen, genau wie seine Architektur-Ideen und -Modelle, die zum Teil imposant ausfallen.

Die heute mehr denn je naiv anmutenden Aquarelle, Collagen und Gemälde Hundertwassers mit ihrer kindlich angehauchten, oft etwas krausen Mischung aus Landschaft und Stadtplan sind dabei vor allem anheimelnde Illustrationen eines Welt- und Lebensverständnisses, das seiner Zeit ein gutes Stück voraus war, heute aber mehr oder minder Allgemeingut geworden ist. Das Überzeugende an Hundertwasser aber war stets, dass seine kultur- und länderübergreifende Philosophie eben nicht nur Theorie geblieben ist, sondern auch zur gebauten, gestalteten Praxis wurde.

Überzeugende Lebensphilosophie

Es ist fast 20 Jahre her, dass es eine ähnlich umfassende Hundertwasser-Schau in Europa gegeben hat; Hagen hat zusammen mit der gemeinnützigen Hundertwasser-Stiftung in Wien und der Frankfurter Einrichtung „Die Galerie“ eine gelungene Gesamtschau eines schillernden Lebenswerks zusammengestellt, die Leihgaben kommen aus Österreich, Frankreich, Belgien, Italien und anderen Ländern.

In der Ausstellung spiegelt sich nicht nur das Lebenswerk eines Künstlers, sondern seine umfassende Lebensphilosophie. Geradezu augenfällig wird dies an einer besonderen Fahne, auf der sich jüdische und islamische Symbole als Angebot einer friedlichen Koexistenz miteinander verbinden. Hundertwassers Aktualität ist eben noch längst nicht passé.

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