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Günter Grass liest aus "Eintagsfliegen"

19.10.2012 | 19:21 Uhr
Foto: /dapd/Nigel Treblin

Wenn Günter Grass am Wochenende Fußball schaut, freut er sich über Tore gegen die übermächtigen Bayern und an schönen Flanken der Gladbacher Fohlen. Bei Niederlagen von Werder Bremen leidet er mit Thomas Schaaf, dem "Stoiker unter den Philosophen im Traineramt".

Göttingen (dapd). Wenn Günter Grass am Wochenende Fußball schaut, freut er sich über Tore gegen die übermächtigen Bayern und an schönen Flanken der Gladbacher Fohlen. Bei Niederlagen von Werder Bremen leidet er mit Thomas Schaaf, dem "Stoiker unter den Philosophen im Traineramt". Das Gedicht heißt "Und am Samstag die Sportschau" - es ist eines von 87, die der Literaturnobelpreisträger in seinem Gedichtband "Eintagsfliegen" versammelt hat. Am Freitagabend - drei Tage nach seinem 85. Geburtstag - stellte er in Göttingen das Buch der Öffentlichkeit vor.

Nach siebeneinhalb Jahren überwiegend autobiografisch gefärbter Prosa sei es mal wieder an der Zeit gewesen, das Handwerkszeug zu wechseln, sagt Grass. Er trägt ein hellbraunes Jacket, eine dunkelbraune Hose und einen roten Pullover. Weniger gebeugt als bei einigen früheren Auftritten steht er am Pult. Zur Illustrierung seines im kommenden Jahr als Jubiläumsausgabe neu erscheinenden Romans "Hundejahre" hat er seit 2010 gezeichnet und radiert, mit Stichel und Ätzbad gearbeitet. Ganz nebenbei entstanden die "Eintagsfliegen".

Jedem Gedicht hat Grass eine Zeichnung zur Seite gestellt. Die Produktion des Bandes begleitete er gemeinsam mit seinem Göttinger Verleger Gerhard Steidl - wie er es bei allen Werken macht. "Ich kenne keinen anderen Autor, der so konsequent die Gestaltung seiner Bücher beeinflusst", hat Steidl in seiner Begrüßung gesagt.

Das Buch enthält neben politischen Gedichten viele persönliche Texte, Themen sind auch das Altern und das Sterben. Grass beklagt den Krebs-Tod von Freunden. Und er denkt darüber nach, wie es wohl wäre, wenn er und seine Frau die ihnen verschriebenen Tabletten vertauschten. Grass spinnt die Vision einer Café-Haus-Szene, in denen türkische Muslime, der Anarchist Erich Mühsam und Thomas Mann Wasserpfeifen rauchen und über Josef und seine Brüder diskutieren.

In dem Gedicht "Trotz allem" kritisiert er den deutschen Druck auf Griechenland, die deutschen Waffenexporte - und formuliert doch eine kritische Liebeserklärung an Deutschland. In "Springers Morgengabe" geißelt er die "Bild"-Zeitung, ohne sie beim Namen zu nennen: "Was wir ausscheiden, steht täglich in der Zeitung".

Das Gedicht "Ein Held unserer Tage" liest Grass am Freitag nicht vor. Er würdigt darin den wegen Spionage zu einer langjährigen Gefängnisstrafe verurteilten israelischen Atomtechniker Mordechai Vanunu, der das geheime Atomprogramm seines Landes 1986 öffentlich gemacht hatte - und provozierte so erneut die israelische Regierung. Kritiker aus Israel sprachen nach Bekanntwerden des Textes schon von einem neuerlichen "Kreuzzug gegen das jüdische Volk".

In einem der letzten Gedichte, das er an diesem Abend vorstellt, wendet sich Grass "an die Gemeinde meiner Feinde", die "treffsicher nur aus dem Hinterhalt" seit langem auf ihn feuert: "Haltet in Treue zu meinesgleichen, denn ohne Autoren bliebe Euch Wiederkäuern nur dürre Wiese und Trockenfutter als Fraß."

Im Anschluss an die Lesung gibt es erstmals Gelegenheit zur Besichtigung der Baustelle des künftigen Grass-Museums. Verleger Steidl lässt dafür ein Haus aus dem 14. Jahrhundert renovieren. Nach Fertigstellung sollen dort unter anderem das vollständige grafische Werk von Grass, eine Sammlung seiner weltweit erschienenen Bücher sowie Manuskripte und Korrespondenzen gezeigt werden. Außerdem soll es als Studiengebäude für die Grass-Forschung dienen.

dapd

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