Große Qualität im kleinen Rahmen
02.10.2007 | 20:45 Uhr 2007-10-02T20:45:20+0200Ricardo Fernando verzichtet auf Obszönitäten und Revoluzzerposen. Aber er beschert Hagen erstaunliche Ballettfreuden.
HAGEN. Liebe, Hochzeit und Jungfrauen-Opfer spiegeln sich in rituellen Handlungen. Ob in archaischen Kulturen oder Religionsgemeinschaften, diese Zeremonien führen für das Individuum meist in ausweglose Situationen. So benutzt Ricardo Fernando für seinen neuen Ballett-Dreiteiler im Theater Hagen "Rituale" als thematische Klammer. Drei Stücke der Klassischen Moderne verbindet der brasilianische Tanzchef zu einem intensiven Erlebnis. Der Mut ist zu bewundern, gehören doch "Frühlingsopfer" von Strawinsky und Debussys "Am Nachmittag eines Faun" zu den Repertoireschlagern großer Kompanien. Dass Fernando keine 50 oder 70 (wie in Düsseldorf oder Hamburg), sondern gerade mal 15 Tänzer benötigt, um magische Spannung in Strawinskys hämmerndem "Sacre du printemps" oder in der perkussiven "Hochzeit" zu entfachen, beweist eindrucksvoll seine Truppe, die auf klassisch moderne Technik getrimmt ist.
Fernando hat bereits im Frühjahr mit "All you need is dance", mit einem virtuosen Choreographien-Mix zu Musik von Bach bis zu den Beatles, Hagen vom Ruf der Tanz-Provinz befreit. Zwar ist er weder Revoluzzer noch Provokateur. Seine Kreationen sind jugendfrei. Jedoch besticht Fernando durch Musikalität, moderne lebendige Ästhetik und tragikomische Effekte. Diese Vorzüge, verbunden mit Gespür für athletisch trainierte Tänzer-Darsteller, machen auch sein neues Opus zum Kunstgenuss, um den Kölner Ballettomanen Hagen beneiden dürften.
Denn anders als in der Millionenstadt am Rhein, in der die Sparte Tanz schon vor zehn Jahren zum Opfer fiel, kämpft in Hagen ein Ballett-Freundeskreis gegen blinde Sparwut der Politik. Kürzlich erst verhinderte dieser Kreis, dass das Ensemble um eine weitere Stelle gekürzt wurde. Bemerkenswert ist dies besonders vor dem Hintergrund, dass gerade mal wieder die Idee eines `Rheinballetts' zu Grabe getragen wurde. Nach Wunsch des Kulturstaatssekretärs Grosse Brockhoff sollten sich Köln und Bonn (nach Johann Kresniks Weggang 2008 dann auch ohne Tanz) der Rheinoper anschließen, die mit 47 Tänzern die letzte dieser Größenordnung in NRW ist.
Flammen lodern auf der Bühne
Wenig erfreut dürften Kölner und Bonner Ballettfans darüber sein, dass der Plan am Widerstand von erstarrten Strukturen und kaum veränderungswilligen Theater-Managern und Dezernenten scheiterte.
In Hagen lodern Flammen auf dem erdig schlammigen und blutroten Bühnenbild von Petra Mollerus. Sie leuchten den Weg zu Strawinskys "Sacre". Es ist eine Welt von Göttern, Dämonen und anderen finsteren Kräften, in der sich Männer und Frauen, getrennt oder in Paar-Konstellationen, auf das Opfer vorbereiten. Zu den peitschenden Rhythmen passen kantige und eckige Bewegungen, weiß-braun bemalte Körper verschrauben sich, der Rumpf der Tänzer ist häufig vornüber gebeugt. Kreise mutieren, durch geschickte Lichtregie, zu Achtecken und anderen geometrischen Figuren. Darin kreisen die sieben Paare, wirken zunehmend bedrohlich, gewinnen an Kraft, Tempo und rhythmischer Sicherheit. Daria Dergousova als Opfer erweist sich als stilsichere Ausdruckstänzerin.
Mit Wasch-Zeremonien beginnen dann Strawinskys "Noces" (Hochzeit). Während Braut-Jungfern sich in Waschritualen ergehen, übt sich die Braut noch in störrischer Unanhängigkeit. Verstärkt äußert sie ihre inneren Kämpfe (bravourös getanzt von Simona Tartaglione), sobald der Bräutigam (kernig kräftig: Angelo Murdocco) mit seinen Männer-Freunden die Frauenreihen aufmischt. Den Gesang des streitenden Brautpaars vor der Hochzeit (vom Band eingespielt) bringen die Tanzmimen mit rasanten aber auch komödiantischen Einlagen auf den Punkt. Sie beleuchten darin den Sieg von Tradition und Sitte über den Willen des Einzelnen.
Ein Faun im grünen Sumpf
Als feinnerviges Intermezzo inszeniert Fernando Debussys "Faun" in einer grün-blauen Sumpflandschaft. Doch bleiben Bodengymnastik und Hebefiguren grundanständig. Er verzichtet auf Obszönitäten und Geilheiten, die bei der Pariser Uraufführung 1912, mit Nijinsky, zu einem Skandal geführt hatten. 6., 11., 19., 31. Okt., 7., 25. Nov. Tel: 02331/ 207 32 18
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