Gretchen wird ins Bild gesetzt

Hagen..  Dieser „Faust“ ist eine sängerische Glückserfahrung. Man muss schon weit reisen, um eine so gute und stimmige Besetzung zu finden, wie sie jetzt am Theater Hagen zu hören ist. Die Inszenierung von Charles Gounods Oper hat zwar eine Umdrehung zuviel, aber darüber sieht man hinweg. Das Publikum feierte die Premiere mit langem Beifall im Stehen.

Der röhrende Hirsch ist auf der Bühne allzeit bereit. Das kitschige Gemälde steht als Versatzstück für die Sehnsucht nach einem bürgerlichen, einem spießigen Familienleben. Dass daraus Mord, Ächtung, Kindstötung und Hinrichtung werden, ist alleine Faustens Ich-Sucht zu verdanken.

Gounod konzentriert sich in seiner Adaption von Goethes Klassiker auf die Gretchen-Tragödie. Seine Oper ist die erfolgreichste Vertonung des Stoffes überhaupt, und das liegt an der sprachmächtigen Musik. Regisseur Holger Potocki und Bühnenbildnerin Lena Brexendorff stellen die Geschichte allerdings in eine Rahmenhandlung, weil sie Angst haben, dass man sonst nicht versteht, warum Faust den Teufelspakt eingeht. So sehen wir im ersten Akt einen Greis, der die letzte Ölung erhält, während der Faust-Tenor von der Hinterbühne aus mit seinem Schicksal hadert. Nonne, Schwester, Arzt und Pastor werden in der Phantasie des Sterbenden zu den Akteuren seines katastrophalen Liebesversuchs. Das Krankenbett bleibt die zentrale Requisite. Immer wieder wird er greise Faust-Statist im Rollstuhl von Mephisto ins Geschehen hineingeschoben, nach dem Motto: Sieh, was Du angerichtet hast, derweil der junge Faust die Sterne vom Himmel singt.

Dieser Fokus auf der Reue des Todgeweihten führt aber von Gretchen weg, die hier lediglich als Männerphantasie ins Bild gesetzt wird. Und um das Konstrukt überhaupt legitimieren zu können, fällt die Regie auf das abgegriffenste Klischee der Theatergeschichte herein: Der Priester wird zum Satan.

Kirmes, Messe und Walpurgisnacht sind grelle Halluzinationen im Schatten einer angedeuteten Kathedrale, die mit ihrem rotschwarzen Zickzackmuster die Flammen von Gretchens Scheiterhaufen vorwegnimmt. In der Liebesnacht wird dagegen der röhrende Hirsch zum begehbaren Hologramm. Wahrscheinlich ist ironisch gemeint. Und trotzdem gewinnt die Szene eine Magie, die mit anderen Einfällen versöhnt, etwa den psychedelischen Clowns und ihrem blasphemischen Dies irae.

Unnötig komplizierte Deutung

Diese Rückblenden zwischen Verzerrung und Sehnsüchten machen die Deutung unnötig kompliziert. Die Triebfeder der Tragödie geht darüber verloren, die ja das Aufeinanderprallen zweier Milieus ist: hier die überkommenen Moralvorstellungen Valentins und des Chores, dort der moderne Freiheitsbegriff Faustens, und dazwischen wird Gretchen zerrieben.

Wie eine rotgoldene Flamme leuchtet Gretchens Haar aus den schwarzen Köpfen der Masse heraus, macht sie zur Außenseiterin. Veronika Haller verleiht dieser Marguerite mit ihrem klaren, reinen Sopran noch im Wahnsinn des Kindsmordes eine unschuldige Seele. Rainer Zaun spielt und singt den Mephisto als Mischung aus dämonischem Entertainer und personifiziertem schlechten Gewissen. Bariton Kenneth Mattice gibt den Valentin mit lyrischem, beweglichem Bariton. Und Tenor Paul O’Neill ist als Faust eine Sensation mit edlem Timbre, wunderbar geschmeidiger Linienführung, kostbaren leisen Akzenten und strahlenden Spitzentönen.

Der Opernchor geht beim Walzer ebenso engagiert zur Sache wie beim Choral. Dirigent Steffen Müller-Gabriel arbeitet die Kontraste zwischen Marsch und Kirchenton fein heraus; das Orchester leuchtet besonders farbenreich in der Beschwörung des Nachtbildes, und wer genau hinhört, weiß woher Richard Wagner seine Liebesnacht im „Tristan“ hat.

Wieder am 1., 6., 18., 26. Februar. Karten: 02331 / 2073218 oder www.theaterhagen.de