Glitter, Gags und ganz viel ABBA
06.05.2007 | 21:33 Uhr 2007-05-06T21:33:23+0200Essen. Durchschnittlich 11 000 Menschen haben täglich ein gemeinsames Ziel: Sie pilgern zu einem der vielen Orte auf der Welt, an dem sie das Musical "Mamma Mia" sehen können. Mehr als 30 Millionen Besucher sind so seit 1999 zusammengekommen. Ab
"Mamma Mia" ist eine Ausnahmeerscheinung im Reigen all jener Shows, die rund um die Musik populärer Künstler in den letzten Jahren gestrickt wurden. Ob Bob Dylan, John Lennon, Brian Wilson oder Neil Diamond - all diesen Unternehmungen war jeweils nur ein kurzes Leben beschieden. Das ABBA-Erinnerungsfest muss also etwas besitzen, was über den üblichen Nostalgie-Faktor hinausgeht. Da springt etwas über von der Bühne, das auch das Publikum bei der Essener "Medienpremiere" nicht unberührt ließ - um es mal vorsichtig auszudrücken.
Vielleicht liegt's an der britischen Herkunft. Textautorin Catherine Johnson hat hier nicht nur einen seichten Vorwand gesucht, um bekannte Songs aneinander zu reihen. Ihre Handlung basiert auf der Tradition erfolgreicher englischer Boulevardkomödien, die allein schon durch die Ausgangssituation Spaß versprechen. Und natürlich hat es damit zu tun, dass all die Hits von "Dancing Queen" bis "Chiquitita" nun plötzlich klingen, als seien sie für genau diese Geschichte geschrieben.
Da lebt also auf einer griechischen Insel eine allein erziehende Blondine namens Donna (vermutlich Engländerin), die dort eine Taverne betreibt und deren Tochter Sophie kurz vor der Hochzeit steht. Die Braut hat nie erfahren, wer ihr Vater ist, kennt aber aus dem Tagebuch ihrer Mutter die Namen von drei Männern, die dafür zeitlich in Frage kämen. Sie verschickt Einladungen an das potenzielle Erzeuger-Trio, hofft auf Erkenntnisse vor Ort, um schließlich vom tatsächlichen Vater zum Altar geführt zu werden.
Nun tauchen nicht nur drei Herren mit höchst unterschiedlichen Charakteren auf der Insel auf, sondern auch zwei alte Freundinnen von Mutter Donna, mit denen sie einst in schreienden Glitterkostümen als "Donna and the Dynamos" auf der Bühne stand. Das gibt zum einen viel Gelegenheit, die alten Erfolgstitel noch einmal lebendig werden zu lassen, vor allem aber schlägt hier das komische Herz von "Mamma Mia": Bei jedem Auftritt von Tanja (große Dame mit Hang zu kleinen jungen Männern: Kerstin Marie Mäkelburg) und Rosie (pummeliges Mauerblümchen mit Lebenserfahrung: Stephanie Tschöppe) ist Lachen garantiert. Und wenn sie in ihren alten Outfits mit Leadsängerin Donna (burschikoses Zentrum: Lone van Roosendaal) noch einmal groß abräumen, dann spürt man die liebevolle Ironie, die man der ABBA-Zeit mit ihren Schlaghosen und Monsterkragen entgegenbringt.
Phyllida Lloyd, deren Uraufführungs-Inszenierung in allen Spielorten kopiert wird, beweist sicheres Gespür für die nicht geringe Komik der Vorlage - nach all den finsteren Literatur-Adaptionen im Bereich Musical erinnert "Mamma Mia" damit endlich einmal wieder an die Klassiker des Genres. Autorin Johnson vermeidet ermüdende Standardsituationen und wartet mit einem überraschend offenen Ende auf. Und vor allem: Die deutschen Liedtexte von Michael Kunze sind besser verträglich als erwartet, schmiegen sich überraschend fein an die 22 Originale von Benny Andersson und Björn Ulvaeus an.
Da sieht man denn gut gelaunt auch darüber hinweg, dass diese Griechen-Insel vorwiegend von Menschen angelsächsischer Herkunft bevölkert wird. Und dass die Einheimischen hier offenbar nur im Dunkeln auftauchen, gerade gut genug dafür, in den Umbaupausen die Requisiten zu schleppen. Vorstellungen täglich (außer Mo), Sa und So zwei Aufführungen. Karten (von 34,90 bis 94,90 E): 01805 / 4444.
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