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Pfingsten 2009

Glaube zwischen Sonnenstudio oder Seelsorge

01.06.2009 | 14:12 Uhr
Glaube zwischen Sonnenstudio oder Seelsorge

Essen. Pfingsten heißt: ein Fest, dessen Bedeutung annähernd 70 Prozent der Deutschen nicht kennen. Pfingsten gilt als Geburtstag der Kirche. 2009 glaubt der Mensch an alles Mögliche zwischen Lotto-Jackpot und Jenseits.

„Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen (...) und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt...” (aus der Apostelgeschichte).

Das Ereignis soll knapp 2000 Jahre zurückliegen. Von da an, heißt es, zogen die Jünger aus, vielsprachig die Taten Jesu zu verkünden. Pfingsten ist: der Geburtstag der Kirche.

Pfingsten 2009 heißt: ein Fest, dessen Bedeutung annähernd 70 Prozent der Deutschen nicht kennen.

Pfingsten heißt ...

Der Atheisten-Bus. Foto: Buskampagne.de

Pfingsten 2009 heißt, dass Pfingstsamstag nach dem Vorbild einer englischen Atheisten-Initiative ein Doppeldeckerbus in Berlin auf Deutschlandreise geht. Die Aufschrift des Busses ist kein Stoßgebet: „Es gibt (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott. Ein erfülltes Leben braucht keinen Glauben.” Der öffentliche Nahverkehr verweigerte die gottlose Etikettierung. Der Bus erreicht im Juni das Ruhrgebiet. Zusteigen darf jeder. Es ist ja nicht Himmelfahrt.

Pfingsten 2009 heißt: Auch innerhalb der letzten zwölf Monate wurden Kirchen verkauft, abgerissen, leergezogen. Oder umgewidmet mit seltsamer Symbolkraft: Kirchen werden Columbarien, Urnen-Häuser. Man sollte meinen, eine Kirche, in der sich mehr Tote als Lebende aufhalten, hat ein Problem – nicht nur ökonomisch. Zitat aus einem katholischen Columbarium in Mülheim: „Falls Sie beim Sofortkauf auf die Verlängerung von 20 auf 25 Jahre verzichten möchten, gewähren wir einen Bonus von 10%.” Was sind schon fünf Jahre, wenn man ans ewige Leben glaubt?

Wir sind auserwählt

Moment der Stille im Gebet. (c) Jakob Studnar

Pfingsten 2009 ist der Jahres-Rückblick auf geschätzte 200 000 Austritte bei den beiden großen Kirchen. 2005 hatte sich der Negativ-Trend mal kurzfristig beruhigt, in Bayern vor allem. Das sei, sagen Kenner, der Benedikt-Effekt gewesen. Verpufft, auch er.

Es gibt 50 Millionen deutsche Christen. Was glauben sie? Haben sie 50 Millionen Gottesbilder? 50 Millionen Jenseitsvorstellungen? 50 Millionen Sehnsüchte, was kommt, wenn hier nichts mehr kommt? Wir wissen es nicht. „Über den Glauben sprechen viele schamhafter als über Sexualität”, sagt ein katholischer Gemeindepfarrer aus Dortmund.

Was man glaubt und wie, konstant ist es bei den Wenigsten. Nach dem 11. September 2001 waren die Kirchen plötzlich voller. Und immer, wenn der Lotto-Jackpot über 20 Millionen wächst, stehen die Menschen vor den Tippstellen Schlange. Was das heißt? Es gibt Tage, da glauben wir, Auserwählte zu sein. Es ist unglaublich.

Alt-Testamentarische Plage

Für kämpferische Atheisten muss das gottgefällige Leben eines Christen einem ungedeckten Scheck gleichen. Wer sagt, er sei Christ, kann sich auch im hochzivilisierten Abendland rhetorisch durchaus verfolgt fühlen. Ihm wird der Blick auf die Ersatzreligionen der anderen kaum Genugtuung verschaffen. Auch wenn jene Konvertiten, die binnen fünf Tagen für 1600 Euro am Bodensee ihr Ich suchen, nicht weniger angreifbar sind als er.

Wer heute glaubt, glaubt vieles. Er glaubt an den Körper als schönsten aller Tempel (es gibt Viertel, da kennen mehr Leute die Adresse des Sonnenstudios als die ihres Seelsorgers). Oder er flieht zu den Heilslehren Asiens. Oder zum Psychodrama. Oder zu Reiki. Oder zum Gestalttherapie-Guru im Odenwald.

Nur eine Gemeinde auswärtig Sinnsuchender wird heuer ihren Heilsboten den Rücken gekehrt haben. Es sind jene Menschen, die den Propheten des Neuen Marktes folgten. Das waren messianische Lichtgestalten in Maßanzügen. Sie predigten Renditen, gegen die alle Leistungen Jesu bei der Hochzeit zu Kanaan ein Projekt für konservative Anleger waren. Die Gemeinde wuchs und wuchs. Am Ende aber stand eine Kapitalvernichtung, wie keine Plage des alten Testaments sie hätte erdenken können. Und siehe, aus Gläubigen wurden Gläubiger.

Wer's nicht glaubt ...

Für Auserwählte: der Lotto-Jackpott. (c) ddp

Schälen wir aus all dem eine Erkenntnis? Mindestens die: Nicht zu glauben, das scheint unmöglich. Fest zu glauben, dass es Nichts gibt, ist für Nihilisten Ehrensache. Welches Gen, welcher ausgegossene Geist immer dafür verantwortlich ist: Hier zu sein, ohne Halt zu suchen in irgendetwas, typisch Mensch ist das nicht.

„Wer's glaubt, wird selig!” – dieser so oft von uns allen über hohle Hoffnungen hämisch ausgegossenen Satz war übrigens in seinen Anfängen ganz und gar kein Sarkasmus. Er ist knapp 2000 Jahre alt. Der Evangelist Markus schrieb ihn auf. Und meinte ihn Wort für Wort.

Lars von der Gönna

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Kommentare
01.06.2009
10:39
Blockierter Kommentar.
von | #10

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01.06.2009
09:39
Glaube zwischen Sonnenstudio oder Seelsorge
von dieterborussia | #9

Pfingstmontag ist ein geklauter Arbeitstag !
Die Kirche fügt mit ihren Feiertagen der Volkswirtschaft erheblichen Schaden zu !
Alle Feiertage abschaffen ist daher das oberste Gebot !
Oder die Kirche bezahlt die Produktionsausfälle !!!

01.06.2009
00:19
Glaube zwischen Sonnenstudio oder Seelsorge
von Pedder | #8

Ich habe den Glauben verloren. Und zwar den Glauben daran, daß die WAZ mal einen Artikel bringt, der von einem Experten geschrieben wird.

31.05.2009
22:52
Glaube zwischen Sonnenstudio oder Seelsorge
von dasKollektiv | #7

Grimms Märchen sind zwar genauso Brutal, aber Unterhaltsamer......

31.05.2009
17:03
Glaube zwischen Sonnenstudio oder Seelsorge
von Paul Haverkamp | #6

Mit den Worten : „Paßt euch nicht ein in das Schema dieser Welt, statt dessen erneuert euer Denken und Sinnen; dann könnt ihr prüfen, was Gott will, was vor ihm gut, angemessen, vollkommen ist.“ möchte der Apostel Paulus im Römerbrief uns Menschen der Gegenwart die Kraft des Heiligen Geistes wünschen, damit wir Christen uns hier und heute in unserer Welt den mit scheinbarer Übermacht agierenden Kräften der Globalisierung, Ökonomie, Internationalisierung und des ungehemmten Kapitalzuwachses entgegenstellen – quasi einen Gegenentwurf zur Welt des Materiellen verkünden und leben!

• Wenn Menschen Tag für Tag in unzählbarer Weise Opfer Gewalt und Machtstreben werden, so wird man nicht davon reden können, dass diese unsere Welt nach den Maßstäben von Gerechtigkeit, Frieden und Solidarität regiert wird.


• Wenn Tag für Tag Menschen erleben,
dass sie ausgegrenzt, ausgestoßen und an einer menschwürdigen Selbstfürsorge gehindert werden, so macht dieser Sachverhalt deutlich, dass die Gesetze der Ökonomisierung uns Menschen unserer Würde berauben, uns ent-menschlichen.


• Wenn Tag für Tag fleißige und verantwortungsbewusste Menschen Opfer von Missmanagment und Raubtierkapitalismus werden und es ihnen verwehrt wird, auf menschwürdige Art und Weise für ihre Familie und ihre Kinder zu sorgen, so sind diese Vorgänge überdeutliche Anzeichen, dass wir Menschen unseren Schöpfungsauftrag verraten.

• Wenn Tag für Tag die Schere zwischen Armen und Reichen auf der gesamten Erdkugel immer weiter auseinandergeht, so sind wir bei Fortsetzung dieses Weges nicht nur dabei, den Entsolidarisierungsprozess weltweit zu forcieren, sondern tragen zudem dazu bei, dass der Frieden auf der Welt noch stärker bedroht wird und dass noch mehr Menschen Opfer von Kriegen und Gewalt werden.

„Passt euch nicht dieser Welt an!“ – sch schreibt Paulus vor 2000 Jahren ; seine Worte haben an Aktualität für die Gegenwart nicht an Bedeutung verloren. Mehr denn je müssen wir – beseelt von der Unruhe des vom Hl. Geist entfachten Sturmes – uns dieser Welt zuwenden und dafür Sorge tragen, dass nicht eine ungezügelte Profitgier, ein enthumanisierter Egoismus und ein bedenken- und gedankenloser und zugleich nur nach ökonomischen Gesichtspunkten ausgerichteter Umgang mit unserer Natur sowohl den Menschen als auch die Schöpfung zu vernichten drohen.

Den von Lukas geschildert pfingstlichen Sturm benötigen wir dringender denn je; damit wir nicht selbst die Lunte mit einem Feuer entzünden, der unseren Erdball einer totalen Zerstörung zuführen würde. Noch haben wir die Kraft und die Möglichkeit eines Umdenkens : möge der Heilige Geist uns alle mit seiner Kraft erfüllen, dass ein jeder nach seinen Kräften dazu beitrage, dass wir unseren göttlichen Schöpfungsauftrag nicht verraten, sondern ihn verantwortungsvoll und gewissenhaft erfüllen – und zwar nicht zum Nutzen weniger, sondern zum Wohle aller!

31.05.2009
15:53
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von miriam.lessmann | #5

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31.05.2009
15:27
Blockierter Kommentar.
von miriam.lessmann | #4

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31.05.2009
15:15
Glaube zwischen Sonnenstudio oder Seelsorge
von jcm | #3

Buddhismus und Satanismus in einem Atemzug genannt ... und als Draufgabe diese totalitären Scientologen...
Schrecklich, GANZ SCHRECKLICH, solche ein Blabla...

Und wie spricht der Ungläubige: Ich bin Atheist - Gott sei Dank!

Herr, lass Hirn regnen...

31.05.2009
13:47
Glaube zwischen Sonnenstudio oder Seelsorge
von Lichtbringer | #2

Die Kirche ist einfach nur schrecklich! Religion ist ne feine Sache, aber DIE Kirche ist ganz einfach SCHRECKLICH!
Kein Wunder daß viele Gläubige zum Islam übertreten, viele Atheisten werden und dann gibts ja noch mehr Religionen... Buddhismus, Satanismus und Scientology! Alles besser als das Christentum!

31.05.2009
13:26
Glaube zwischen Sonnenstudio oder Seelsorge
von Sozialerdemokrat | #1

Deutschland ist nach meinen Beobachtungen in den letzten 50 Jahren atheistischer geworden. Es sind nicht unbedingt militante Atheisten, sondern eher gleichgültige. Hinzu kommen Menschen, die vielleicht noch an Gott glauben, wobei dies aber im Alltag kaum noch eine Rolle spielt. Menschen verlieren dadurch die innere Bindung an ihre Kirchen. Dann kann die Kirchensteuer ein Anlass sein, auszutreten . Es hat auch ein Wertewandel stattgefunden, der auch klassisch sozialdemokratische Werte wie Solidarität betrifft. Zunächst wurden materielle Werte wichtiger. Verbreitet wurde der Glaube, durch den Konsum von mehr Waren und Dienstleistungen könne man glücklicher werden. 68er sprachen polemisch von „Konsum- Idioten“. Die Konkurrenz dazu entstanden post-materielle Werte scheinen nicht durchgesetzt zu haben. Im Berufsleben dominierten immer mehr die Ideologie der Individualisierung und die des Konkurrenzkampfes, in der jeder sich selbst der nächste ist. Kirchliche Wohlfahrtsorganisationen haben da fleißig mitgemischt, was die Kirchen nicht glaubwürdiger machte. Der Geist des Kapitalismus ist eben atheistisch. „Der Kapitalismus basiert auf der merkwürdigen Überzeugung, dass widerwärtige Menschen aus widerwärtigen Motiven irgendwie für das allgemeine Wohl sorgen würden.“Maynard Keynes. Habgier, Rücksichtslosigkeit und Neid sind Werte, die zu keiner Religion passen.

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