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Loveparade-Unglück

Getrennt in den Farben - in Trauer vereint

29.07.2010 | 18:57 Uhr
Getrennt in den Farben - in Trauer vereint
Der Trauermarsch der Duisburger Fußballfans. Foto: Matthias Kiesel

Duisburg.Rund 1000 Fußballfans demonstrierten am Mittwoch Geschlossenheit bei einem Trauermarsch von der Unglücksstelle zum Duisburger Stadion - in Gedenken an die Opfer der Loveparade.

Langsam setzt sich der Trauerzug in Bewegung. Auffallend langsam. Bedächtig schreitet man voran, legt immer wieder Pausen ein, hält inne. Lieber einen Schritt zu wenig als zu viel. Niemand möchte hier an das Chaos, das Gedränge und die Panik erinnert werden, die sich noch vor wenigen Tagen hier abspielten. Noch einmal kommt der Zug zum Stehen. Nicht nur, um den Journalisten ihre Aufnahmen zu gewähren. Auch aus Ehrfurcht vor dem, was direkt vor einem liegt: Der Gang durch den Unglückstunnel, in dem vergangenen Samstag so viele junge Menschen auf tragische Weise ihr Leben ließen.

Sprachlosigkeit im Tunnel

Viele schrieben den Opfern letzte Grüße auf Gedenktafeln oder in Kondolenzbücher. Foto: Matthias Kiesel

Schon beim Zusammentreffen der Teilnehmer hatte man deutlich spüren können, dass dies kein Spaziergang werden würde. Die versteinerten Gesichter, in krassem Kontrast zu den bunten Fußballtrikots, das betretene Schweigen, über das sich lediglich ein leises Gemurmel aus Gesprächen legte, die langsamen Bewegungen, nur durch umherstreifende Fotojournalisten etwas aufgelockert - all das konnte kaum jemanden kalt lassen. Doch es ist nichts im Vergleich zu dem beklemmenden Gefühl, das sich breit macht, als der Zug sich letztendlich durch den Tunnel bewegt. Vorbei an Kerzenmeeren, Blumenkränzen, Teddybären, Abschiedsgrüßen auf laminierten Papierbögen und ausliegenden Kondolenzbüchern.

Man kann es förmlich von den Gesichtern ablesen: Jeder, der sich gerade hier durchbewegt, versucht sich ungläubig ein annäherndes Bild davon zu machen, was sich in diesem engen, dunklen Tunnel abgespielt haben muss. Wie es möglich sein soll, eine solche Masse von Besuchern hier durchzuschleusen. Eine Menschenmasse, die nicht im Vergleich steht zu den laut Polizeiangaben rund tausend Teilnehmern dieses Trauermarsches, der, wenn auch aufgelockert, allein schon den Tunnel für sich einnimmt. An der kritischen Stelle der abgesperrten Zuführungsrampe verlangsamt sich der Zug nochmals. Die Blicke wenden sich der schmalen Treppe zu, die fortan als trauriges Symbol und Mahnmal für das Geschehene gelten wird. Für bislang 21 Tote und mehrere hundert Verletzte, die diese Tragödie gefordert hat. Erleichterung stellt sich erst ein, als die Menge den letzten Abschnitt des Tunnels passiert hat und wieder im Tageslicht angekommen den Marsch zum Duisburger Stadion fortsetzt.

Spontandemonstration des Mitgefühls

Initiiert haben diesen Trauerzug Nutzer des MSV-Duisburg-Forums, die sich im Vorfeld zum Freundschaftsspiel zwischen dem MSV Duisburg und dem VfL Bochum erst am Montag dazu entschlossen hatten. Über Internetforen, Leserkommentare und Mundpropaganda riefen sie daraufhin die Anhänger beider Mannschaften, aber auch aller anderen Ruhrgebietsvereine und Interessierte zur Teilnahme auf. Um so beachtlicher, dass die Aktion in so kurzer Zeit eine Eigendynamik entwickelte, die tausend Menschen zur Teilnahme bewegte. Ausdrücklich hatte man von einem Trauermarsch gesprochen, einem stillen Gedenken, nicht einer Demonstration gegen die Verantwortlichen, wie sie noch Mittags vor dem Duisburger Rathaus stattgefunden hatte.

Wenn man hier hingegen von einer Demonstration sprechen will, dann von einer des Mitgefühls. Des Mitgefühls für die Opfer, die Angehörigen, die Verletzten, die Traumatisierten. Mitgefühl hätten aber auch die Duisburger selbst verdient. Bürger einer durch Mafia-Morde und Rocker-Kriege in Verruf gekommenen Stadt, die durch eine riesige fröhliche Feier endlich ihr verstaubtes Image abschütteln wollte und sich nun vor dessen Trümmern sieht. Ein Image, an dessen Umkehrbarkeit in absehbarer Zeit wohl kein Duisburger mehr glauben mag. Was den Bürgern dieser Stadt im Moment nur bleibt, ist sich in Demut und Trauer zu üben. Und die demonstrieren sie an diesem Mittwoch eindrucksvoll.

Das Ruhrgebiet in Trauer vereint

Auch nach dem Spiel noch besuchten Trauernde den Unglücksort, um eine Kerze anzuzünden. Foto: Matthias Kiesel

Eindrucksvoll ist aber auch die Anteilnahme vieler Fans der anderen Ruhrgebietsvereine, die man bei diesem Trauermarsch ausmachen kann. Es ist eine bewegende Demonstration, dass man bei aller sportlichen Rivalität in schweren Zeiten als ein Ruhrgebiet geschlossen Seite an Seite steht. Nur ein Beispiel dieser Solidarität ist ein Dortmunder Fan, der ein buntes Transparent vor sich herträgt mit der Aufschrift „Getrennt in den Farben, dennoch ... Wir trauern zusammen“.

Als der Trauerzug schließlich nach gut zwei Kilometern zum Duisburger Stadion einbiegt, brandet dann auch ein kurzer Beifall auf, der wohl neben der regen Teilnahme stiller, respektvoller Fans auch den Polizeibeamten gilt, welche die Demonstration sichtlich bedrückt begleitet hatten. Wer jedoch glaubt, das Schweigen der Fans würde im Stadion wieder den gewohnten Sprechchören weichen, der sollte sich getäuscht haben. Die Atmosphäre dort gleicht der eines Geisterspiels. Während der offiziellen Schweigeminute kann man von den 4145 Besuchern nicht einmal ein Räuspern vernehmen, und auch im Verlauf des Spiels meint man, die Stimmen der Spieler auf dem Rasen deutlicher zu hören als die der Fans.

Ein Abend (fast) ohne Gewinner

Nur ab und zu durchbricht ein wenig Szenenapplaus das allgemeine Schweigen. Nach gut 60 Minuten werden die Spieler zwar durch vereinzelte zaghafte Sprechchöre noch einmal für ihren Auftritt belohnt - mit einer normalen Stadionstimmung hat dies aber nichts gemein. Dass auf dem Platz Fußball gespielt wird, ist an diesem Tag nicht einmal zweitrangig. Wichtiger als die Begegnung auf dem Rasen war eindeutig die Begegnung der Fans.

Das Spiel endet denn auch 1:1 unentschieden. Unter dem Strich ein gerechtes Ergebnis, denn weder das Spiel, dessen Akteure ähnlich gelähmt wirkten wie die Fans, hätte an diesem Abend einen Gewinner verdient gehabt, noch der traurige Anlass.

Trauermarsch in Duisburg

Matthias Kiesel

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Kommentare
30.07.2010
14:55
Getrennt in den Farben - in Trauer vereint
von Zebra-Nico | #5

Richtig. Stimme dem DomZebra zu. Wer auch immer Morddrohungen und Flashmobs organisert, der sollte sich fragen, was dadurch besser wird. Nichts wird besser. Alttestamentarische Rache ist hier fehl am Platze, jedoch sollten die Verantwortlichen zu ihrer Verantwortung stehen - auch in solch grauenvollen Zeiten.
Hass hilft nicht weiter.
Meine aufrichtige Anteilnahme für die Anghörigen und die Menschen, die vor Ort waren und Dank an die Helfer.

30.07.2010
14:10
Getrennt in den Farben - in Trauer vereint
von DomZebra | #4

weil es so viel einfacher ist, wenn das unglück personifiziert werden kann, fordert der pöbel rollende köpfe. erst, wenn (irgend) jemand am galgen hängt, findet das volk seine ruhe.

als wenn hierdurch irgendetwas ungeschehen gemacht werden könnte.

aufrichtige anteilnahme dringt in dem rachegeschrei leider nicht mehr durch.

30.07.2010
13:36
Blockierter Kommentar.
von DomZebra | #3

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

30.07.2010
11:19
Getrennt in den Farben - in Trauer vereint
von barniebaerchen | #2

Loveparade-Tragödie 8000 Duisburger können OB Sauerland stürzen. Unterschriftenliste unter http://msb-dmb.de

29.07.2010
20:15
Getrennt in den Farben - in Trauer vereint
von leserin | #1

Einer der Verlierer und Hauptverantwortlicher neben Sauerland mus Rainer Schaller sein.
Kündigt ihm Eure Mac Fit Verträge.
Aber keine Angst, erläßt euch nicht vor Ablauf eines Jahres aus dem Vertrag.
Ich habe am Dienstag gekündigt und heute Bescheid bekommen, dass ich erst nach Ablauf des Geltungsbereiches da raus komme.
Dann kommt die Strafe eben Monate später.
Hauptsache Schaller wird für die Geldgier bestraft.

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