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Geschenke, ihre Folgen - und was wir daraus lernen können

23.12.2012 | 18:57 Uhr
Geschenke, ihre Folgen - und was wir daraus lernen können
Gut bürgerlich: Thomas Manns Buddenbrooks kurz vor der Bescherung (ARD-Verfilmung, 1979). Hanno (2. v. l.) bekommt ein Papiertheater. Keine gute Gabe für seine Kaufmannskarriere.Foto: HR/Kurt Bethke

Essen.  Die Literatur ist nicht gerade knauserig mit Geschenken. Leider tun sie ihren Helden nur selten Gutes. Geschenke, ihre Folgen - und was wir daraus lernen können. Und was Sie schon immer über Schmuck, Tücher und Pferde wissen sollten.

Oscar Wilde hat den Fluch des Schenkens klug durchschaut: „In dieser Welt gibt es nur zwei Tragödien. Die eine ist, nicht zu bekommen, was man möchte, und die andere ist, es zu bekommen.“ Geschenke – selten lag in der Literatur ein Segen drauf. Wir hätten da ein paar Fundstücke zum Fest.

Das trojanische Pferd

Das Geschenk: Staunend betrachteten die Trojaner das riesige Pferd. Es schien ganz aus Holz gemacht. Und was für eine angenehme Inschrift: „Der Göttin Athene als Dankopfer der Griechen für eine sichere Heimfahrt.“ Der kriegerische Feind ist also weg?! Nichts wie rein mit dem Schmuckstück in die Stadt . . .
Seine Geschichte: Nach zehn Jahren erfolglosem Krieg gegen Troja, waren die Griechen mitnichten abgereist. Das Riesenpferd war eine List. Im Bauch trug es Soldaten.
Wir lernen: Erstens: Nicht jedes Holzspielzeug ist pädagogisch wertvoll. Zweitens: Lassen Sie sich keinen vom Pferd erzählen; bleiben Sie skeptisch bei großen Gaben ohne sichtbare Gegenleistung Ihrerseits. Niemand hat etwas zu verschenken. Und genau darum sollte man einem geschenkten Gaul eben doch ins Maul schauen.

Der Schmuck

Das Geschenk: „So was hab’ ich mein’ Tage nicht gesehn! Ein Schmuck! Mit dem könnt’ eine Edelfrau am höchsten Feiertage gehen“, sagt das Gretchen in Goethes „Faust“.
Seine Geschichte: Eine der großen Liebestragödien. Faust liebt ein junges Mädchen. Statt sich sanft anzunähern, zieht er von Mephisto organisierte Geschenke vor. Den ersten Schmuck reicht die brave Margarete an die Kirche weiter, beim zweiten wird sie schwach. Kurzes Glück, langes Leid. Kerker. Wahnsinn. Tod. Himmelfahrt.
Wir lernen: Die Schlagkraft hochwertiger Geschenkartikel wird nicht selten überschätzt. Auf lange Sicht wirken viele schädlich. Und wenn es schon sein muss: Der Goldschmied Ihres Vertrauens ist im Zweifelsfall vorzuziehen, auch wenn der Teufel auf den ersten Blick kostengünstiger liefert.

Das Papiertheater

Das Geschenk: „Er wandte sich dem Theater zu. (...) Es war der Überfluß des Glückes, in dem man, undankbar gegen das einzelne, alles nur flüchtig berührt, um erst einmal das Ganze übersehen zu lernen . . . Oh ein Souffleurkasten war da . . .“

So erzählt Thomas Mann in seinen „Buddenbrooks“ von der Bescherung einer Lübecker Kaufmannsfamilie im Jahre 1869.
Seine Geschichte: Der Beschenkte ist acht Jahre alt. Er heißt Hanno Buddenbrook und ist Erbe eines Handelsunternehmens. Aber seine Liebe zur Kunst macht es ihm unmöglich, die Namen hanseatischer Getreidespeicher auswendig zu lernen. „Lohengrin“, „Fidelio“ – das klingt schon besser. Das Papiertheater (von der Oma geschenkt, nebenbei) führt ihn also vom rechten Wege.
Wir lernen: Kulturvolle Geschenke sind oft eher gut gemeint als gut. Für die praktischen Dinge des Lebens rüsten sie nur bedingt.

Das feine Tuch

Das Geschenk: „Ein feines Tuch, mit Erdbeer’n bunt gestickt.“ „Dies war des Mohren erstes Liebespfand.“ Aus: William Shakespeares „Othello“.
Seine Geschichte: Wir haben in Zeiten von „Tempo plus sensitive Skin“ vergessen, was für ein pikantes Geschenk einst ein Taschentuch gewesen ist. Dieses hat ein Erdbeermuster (Achtung, Erotik!) und wird vom eifersüchtigsten Gatten der Literaturgeschichte verschenkt, von Othello an Desdemona. Leider verliert sie es. Leider fällt es in die Hand eines Oberschurken. Leider gibt es eine Intrige. Leider hält Othello Desdemona für untreu. Leider drückt er ihr ein Kissen aufs Gesicht. Leider.
Wir lernen: Wegwerftaschentücher haben mehr Vorteile als angenommen. Für den Gabentisch sind sie aber keine Option. Leider.

Der Truthahn

Das Geschenk: „Das war ein Truthahn! Er konnte nie auf seinen Füßen gestanden haben, dieser Vogel, er hätte sie im Augenblick abgeknickt wie Siegellackstangen!“
Seine Geschichte: Der größte Geizkragen Englands wird spendabel. Er kauft einen fetten Vogel für die Armen. Zugegeben: Die Läuterung, von der Charles Dickens’ „Weihnachtslied in Prosa“ singt, ist hürdenreich. Vier Geisterbesuche zur Schauerstunde helfen Ebenezer Scrooge auf die Sprünge.
Wir lernen: Essbares als Geschenk hat durchaus Vorteile. Es fängt keinen Staub. Und es scheint, den, der gibt, glücklich und bescheiden zu machen: „Sein eigenes Herz lachte, und das genügte ihm.“
 

Lars von der Gönna


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