Gerhard Zwerenz, ein Quer- und Dickkopf von Format

Für Gerhard Zwerenz, hier mit Ehefrau Ingrid, war die „Rebellion der wichtigste gesellschaftliche Akt des Jahrhunderts“.
Für Gerhard Zwerenz, hier mit Ehefrau Ingrid, war die „Rebellion der wichtigste gesellschaftliche Akt des Jahrhunderts“.
Foto: imago
Was wir bereits wissen
Lust am Widerspruch: Der linke Literat, der weit über 100 Bücher verfasste und im Sex ein revolutionäres Potenzial sah, starb im Alter von 90 Jahren.

Essen.. Sein erstes autobiografisches Hauptwerk trägt nicht von ungefähr den Titel: „Der Widerspruch“. Gerhard Zwerenz, der gestern im Alter von 90 Jahren starb, war nicht nur ein Dialektiker, sondern auch ein Quer- und Dickkopf von Format. Seit der im sächsischen Gablenz geborene Ar­beitersohn 1944 mit 19 Jahren aus der Wehrmacht desertiert war (zu der er sich zwei Jahre zuvor freiwillig gemeldet hatte), machte ihn Furchtlosigkeit zum unbequemen Gegner für Stalinisten, Moralhüter, Traditionalisten und Dogmatiker aller Art.

Zwerenz, geprägt vom Studium bei Ernst Bloch, zählte sich nach seinem Umzug in die Bundesrepublik 1957 zur „Exil-Literatur der DDR“. Und er war einer ihrer produktivsten Autoren: Jeden Vormittag, gab er an, tippe er 20 Schreibmaschinenseiten, die er nachmittags mit Hilfe seiner Frau, die seine oberste Lektorin war, auf zehn Seiten zusammenredigiere. So kamen weit über 100 Bücher zusammen, die oft ein hemmungsloses Durchmischen von Realität und Erfindung betreiben.

Für die PDS vier Jahre im Bundestag

Für Zwerenz war die „Rebellion der wichtigste gesellschaftliche Akt des Jahrhunderts“. Doch seit Mitte der 60er war sein Vertrauen in den Eros des Politischen geschrumpft – er stilisierte nun den Sex zur revolutionären Kraft, ganz auf der Linie von Henry Miller oder Norman Mailer – noch vor der Studentenbewegung: „Casanova oder der Kleine Herr in Krieg und Frieden“ hieß 1966 Zwerenz’ erster Roman, der die gesellschaftliche Sprengkraft der Lust feierte; ihr zuliebe schreckte Zwerenz, der in den 70er-Jahren auch für Blätter wie „Konkret“, „Twen“ und „Pardon“ schrieb, auch vor Pornografie nicht zurück.

In den 80er-Jahren wurde Zwerrenz zu jenem Außenseiter, als der er sich selbst stets empfand. Die Wende von 1989 verschaffte ihm ein neues Spielfeld, Zwerenz setzte sich derart für die Menschen im Beitrittsgebiet ein, dass er für die PDS, der er nicht angehörte, 1994-98 im Bundestag saß. Seither war Zwerenz vor allem mit der Aufarbeitung seines Lebens beschäftigt, seit 2007 in einem Web-Log. Es wird Fragment bleiben. „Merkel, Troika, Akropolis und Platon“, hieß der letzte Text, Zwerenz nannte ihn den „52. Nachruf“.