Gene Simmons: „Wir schwitzen ehrlichen Schweiß“

Die vielleicht berühmteste Zunge seit den Rolling Stones hat Gene Simmons: Im Juni touren der Bassist und seine Bandkollegen von Kiss durch Deutschland.
Die vielleicht berühmteste Zunge seit den Rolling Stones hat Gene Simmons: Im Juni touren der Bassist und seine Bandkollegen von Kiss durch Deutschland.
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Was wir bereits wissen
Zum 40. Bühnenjubiläum gehen „Kiss“ auf Tour. Bassist Gene Simmons über ein Leben im Luxus, Königsträume und „die beste Show der Welt“

Musiker. Geschäftsmann. Kiss-Bassist: Gene Simmons (65) ist der Motor hinter einer der erfolgreichsten Rockbands aller Zeiten. Und: Er lebt jede einzelne Minute davon. Was sich zuweilen in dezentem Größenwahn manifestiert. Wie zum 40. Dienstjubiläum, das der Mann mit der Riesenzunge zum Anlass nimmt, über einen weiteren Nebenjob nachzudenken – als König von Amerika.

Herr Simmons, wie begehen sie den 40. Geburtstag von Kiss?

Gene Simmons: So, wie es sich gehört: Wir gehen auf Tour. Und wir planen noch ein paar weitere große Sachen. Denn wer hätte vor 40 Jahren gedacht, dass es vier Idioten aus New York, die keine Ahnung haben, wie die Welt funktioniert und die gerade mal 75 Dollar die Woche verdienen, mal so weit bringen würden? 40 Jahre später haben wir ein Imperium. Wozu der Kiss Golf Course in Las Vegas gehört. Das Kiss Café in Myrtle Beach. Gerade habe ich einen Deal für Kiss-Limousinen in Las Vegas abgeschlossen.

Wie darf man sich das vorstellen?

Simmons: Als einen Limo-Service, bei dem die Fahrer Kiss-Make-up tragen und ein paar heiße Mädels als Hostessen fungieren.

Zwischendurch ein bisschen Rock´n´Roll mit den Jungs zu spielen, ist das Ausgleichssport?

Festival Simmons: Es ist eher, als ob du zur Kirche gehst. Denn dann bist du Gott am nächsten und erkennst, worum es im Leben wirklich geht. Alles andere dient nur dazu, deine Existenz auf Erden möglichst spannend zu gestalten. Aber die Sache, die dein Herz am Laufen hält, ist diese Elektrizität zwischen Band und Fans. Wenn wir auf die Bühne gehen, packen wir das wie Arbeiter an. Wir sind pünktlich, wir erledigen den Job und schwitzen ehrlichen Schweiß.

Nach dem Motto „you wanted the best, you got the best“?

Simmons: Ganz genau. Wenn wir uns damit ankündigen, haben diese Worte eine echte Bedeutung. Dann sind wir die heißeste Band der Welt. Das ist wie ein Schwur. Was die Legende von Kiss ausmacht. Denn selbst Leute, die uns hassen, müssen zugeben: „Auf der Bühne sind sie richtig gut.“ Was dafür sorgt, dass wir unsere eigene Marke sind. Eben ein internationales Qualitätsprodukt, das jeder kennt.

Während ihre Musik – wie sie es selbst formulieren – dem Anspruch von Fleisch und Kartoffeln folgt?

Simmons: Die Musik muss real sein. In diesen schicken französischen Restaurants sind die Speisen einfach zu cremig, zu schwer. Das Echte ist halt Fleisch und Kartoffeln – das war es schon immer. Unser aktuelles Album ist ähnlich: Wir hatten keine Gäste im Studio, keinen Kinderchor, kein Sinfonieorchester, keine Backgroundsängerinnen und keine Keyboards. Es sind einfach zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug. Und was gut genug für die Beatles und Led Zeppelin war, ist auch gut genug für uns.

Was ist mit der Schminke und den Kostümen? Wird das niemals alt?

Simmons: Nein! Das gehört bei uns dazu. Wenn Supermann zur Arbeit geht, trägt er einen Anzug und eine Krawatte und nennt sich Clark Kent. Aber wenn es Zeit ist Supermann zu sein, sieht er spektakulär aus. Und Clark Kent könnte dasselbe tun, aber dann wäre es nur halb so cool. Er braucht den Umhang, er muss durch die Luft fliegen – und genau das tue ich.

Sind sie der Mär von Sex, Drugs & Rock´n´Roll entwachsen?

Simmons: Auf Drogen stand ich noch nie. Sondern ich habe immer hart gearbeitet – ich habe alles für meine Karriere getan. Und das einzige, was ich dafür als Gegenleistung in Anspruch genommen habe, war gutes Essen und von möglichst vielen hübschen Frauen umgeben zu sein. Wobei sie manchmal aber auch gar nicht so hübsch waren. Denn mir ging es vor allem um Quantität, um mehr, mehr und noch mehr.

Und es ist wirklich so, dass Männer nicht erwachsen werden bis sie 60 sind. Wir brauchen dafür einfach länger. Im Grunde sind wir wie Wein – wir sind erst gut, wenn wir richtig alt sind. Bis dahin führen wir uns auf wie Teenager. Und Shannon hatte die Geduld, mich erwachsen werden zu lassen. Außerdem – und das kommt noch hinzu – ist sie umwerfend. Sie ist 1,80 Meter, fast so groß wie ich, und sie strahlt geradezu. Sie ist der Wahnsinn auf Beinen. Deswegen musste ich mich entscheiden. Eben: „Ich kann tun, was ich will und meine Familie und Shannon verlieren. Oder ich kann mich verändern und beide behalten.“ Ich habe mich für letzteres entschieden.

Trotz ihres Drangs nach Freiheit bzw. Selbstverwirklichung haben sie bei den Präsidentschaftswahlen 2012 ausgerechnet Mitt Romney unterstützt. Ist das kein Widerspruch?

Biffy Clyro Simmons: Da bin ich falsch zitiert worden. Was ich gesagt habe, war: „Es ist nicht sicher, dass Barack Obama zum zweiten Mal ins Amt gewählt wird.“ Was mich längst nicht zum Romney-Sympathisanten macht. Schließlich habe ich beim letzten Mal auch Obama gewählt. Einfach, weil ich ihn für einen guten Familienvater halte und seine menschlichen Qualitäten schätze. Aber er ist kein Geschäftsmann. Er hatte nie eine Firma, hat nie eine geleitet und besitzt keine politische Erfahrung – mal abgesehen von lokalem Kram. Von daher ist seine Qualifikation, der mächtigste Mann auf Erden zu sein, nicht besonders hoch. Mitt Romney dagegen war Gouverneur.

Er war der Leiter des Olympischen Komitees, das vor seinem Eintritt hohe Verluste gemacht hat. Aber er hat ein paar Sachen geändert, und das hat für Profit gesorgt. Von daher kann ich nur sagen: Ich will erfahrene, erfolgreiche Geschäftsleute an der Spitze unserer Regierung. Denn die zu leiten, ist ein Geschäft – genau wie das Land an sich. Da hast du Importe und Exporte, und die Exporte müssen größer sein als die Importe, damit du Profit machen kannst. Denn ohne Profit kann sich ein Land keine Sozialversicherung, freie Bildung und bessere Krankenhäuser leisten. Ich meine, Amerika hat 15 Billionen Dollar Schulden. Jede andere Firma wäre da pleite – und Amerika braucht auch nicht mehr lange. Von daher brauchen wir Geschäftsleute, die sagen: „Wir können so nicht weiter machen – weil wir uns das nicht leisten können.“ Schluss – Punkt – aus.

Wie steht es mit Gene Simmons als Präsident? Stünde er zur Verfügung?

Simmons: Als Präsident? Eher nicht. Schließlich verdiene ich in einer Woche mehr als der Präsident in einem Jahr.

Das meinen Sie nicht ernst?

Simmons: Das ist die Wahrheit! Deswegen würde es mich nur reizen, wenn sie mich zum König machen würden. Darüber könnten wir reden. Einfach, weil man Macht braucht, um wirklich etwas zu verändern. Die des Präsidenten reicht nicht aus – damit kann man nichts bewerkstelligen. Ich meine, schauen sie sich ihre Kanzlerin an: Merkel kann nichts ohne die Zustimmung des Parlamentes machen. Und das hindert sie an diesem und jenem. Genau deshalb bräuchte ich uneingeschränkte Macht – und zwar für ein paar Jahre, in denen ich alles durchsetzen könnte, was mir vorschwebt. Und ohne irgendwelche Kompromisse eingehen zu müssen. Wenn ich keinen guten Job mache – feuert mich. Aber gebt mir zumindest die Chance, etwas zu ändern.

Und was erwartet uns bei den Deutschland-Konzerten im Juni?

Simmons: Die beste Show der Welt – so, wie man es von uns gewohnt ist.