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Oper

Gemeinsam zur Guillotine

24.10.2010 | 17:57 Uhr
Gemeinsam zur Guillotine
Warten auf das Schafott. Nonnen des Karmeliterklosters in der Neuinszenierung von Francis Poulencs „Les Dialogues de Carmélites“ im Düsseldorfer Opernhaus.

Düsseldorf. Francis Poulencs 1957 an der Mailänder Scala uraufgeführte Oper „Dialoge der Karmeliterinnen“ nach Gertrud von le Forts Erfolgsroman „Die Letzte am Schafott“ gehört zwar nicht zu den populärsten Bühnenklassikern. Gute Aufführungen verfehlen aber nicht ihre Wirkung. Das trifft auch auf eine musikalisch wie szenisch erfreulich sensible Neuproduktion der Deutschen Oper am Rhein im Düsseldorfer Opernhaus zu.

Sowohl das katholische Ambiente wie auch den politischen Hintergrund mit den religionsfeindlichen Attacken der französischen Revolutionstribunale bettet der belgische Star-Regisseur Guy Joosten behutsam in das psychische Drama der Hauptfigur ein, der Novizin „Blanche von der Todesangst Christi“. Angst vor dem Tod, Angst vor der Angst: Blanches Sensorium für heraufkommendes Unheil überträgt sich auf die gesamte klösterliche Gemeinschaft. Nicht zuletzt auch im Todeskampf der alten Priorin, der die Bühnen-Ikone Anja Silja stärkeres darstellerisches als gesangliches Profil verleiht. Mit dem Eintritt der Katastrophe, der Verkündung des Todesurteils über die gesamte Schwesternschaft, überwindet Blanche ihre Ängste und geht, obwohl schon außerhalb der Klostermauern in Sicherheit gebracht, freiwillig mit ihren Schwestern den letzten Gang zur Guillotine.

Das alles kleiden Guy Joosten und sein Bühnenbildner Johannes Leiacker in abstrakte, weitgehend leere Räume von klinischer Reinheit. Lediglich die Ornate der Nonnen und ein großes, bedrohlich schräg aus der Höhe ragendes Crucifix markieren die religiöse Symbolik. Der Revolutionspöbel erscheint meist nur als schemenhafter Schattenriss. Tritt er in Erscheinung, hält er sich dezent zurück und überlässt einigen mit braunem Zynismus auftretenden Rädelsführern das Feld. Dass Gertrud von le Fort in ihrem 1931 erschienenen Roman die französischen Revolutionsexzesse als Chiffre für die Gefahren des Dritten Reichs verstanden wissen wollte, wird auch ohne Hakenkreuze und Gestapo-Mäntel deutlich. Selbst bei der Todeskarawane der Nonnen zum Schafott verzichtet Joosten auf plakatives Theaterblut. Die harten Schläge des Fallbeils und herabfallende schwarze Tücher genügen für die Illusion des Entsetzlichen.

Noch feiner arbeitet Joosten die psychischen Spannungen der Menschen heraus, die sich im Angesicht einer politischen Umwälzung in ihrer Existenz bedroht sehen. Jede Figur erhält ihr scharf zugeschnittenes Profil. Neben Blanche triumphiert vor allem Jeanne Piland als pflichtbewusste, zwischen Strenge und mütterlicher Verantwortung schwankende „Mère Marie“. Auch stimmlich markiert die großartige Sängerdarstellerin einen Höhepunkt der denkwürdigen Aufführung. Leicht überdreht, aber gesanglich makellos gestaltet Alma Sadé die Rolle der jungen Schwester Constance, die ihre Ängste durch eine brüchige Heiterkeit überdeckt.

Auch wenn sich der ansonsten bissig zupackende Poulenc, den man auch „Mönch und Lausbub“ nannte, hier musikalisch als porentief reiner und seriöser Katholik gebärdet, ist von säuselnder Frömmelei nichts zu hören. Die Partitur, feinfühlig die Seelenregungen der Figuren kommentierend, ist bei GMD Axel Kober in besten Händen und behält eine wohltuende Distanz zum Weihrauch sentimentaler Rührstücke. Kober hält die hörenswert aufspielenden Düsseldorfer Symphoniker deutlich und sängerfreundlich zurück. Brüllen muss niemand, auch wenn Sabine Hogrefe als neue Priorin Lidoine mit scharfen Höhen das weiche Klangbild bisweilen stört.

Ansonsten spielt die Deutsche Oper am Rhein ihren Ruf als Ensembletheater voll aus. Ausfälle sind weder in der 15-köpfigen Solistenriege zu vermelden noch in den vorzüglich von Christoph Kurig präparierten Chören. Neben den bereits erwähnten weiblichen Figuren verdienen John Wegner als gelassen cooler Marquis de la Force, Bruce Rankin als schwächlicher, aber gutmütiger Beichtvater und Florian Simson als eiskalter Kommissar ein Sonderlob.

Etliche Premierengäste verließen die dreistündige Aufführung bereits in der Pause. Bedauerlich, gewann die Produktion doch im zweiten Teil noch weiter an Intensität. Sehr freundlicher, etwas ergriffener Beifall für eine großartige Produktion ohne jede populistische oder spektakuläre Ambition.

Die nächsten Aufführungen im Düsseldorfer Opernhaus: am 28. und 30. Oktober sowie am 7., 11. und 14. November (Infos: www.deutsche-oper-am-rhein.de).

Pedro Obiera


Kommentare
25.10.2010
13:55
Gemeinsam zur Guillotine
von Lanzelotta | #2

Wer zum ersten Mal in die Oper geht und sich vorher nicht informiert, um was es sich bei dem erwählten Stück handelt, ist selber schuld. Kein Argument, um eine wenn auch schwere, so doch hervorragende Oper einem renommierten Haus mit erfahrenem Publikum vozuenthalten.
Dialogues des Carmelites ist eine ergreifende berührende sensible Oper, deren Aktualität sich jedem erschließt, der mit wachen Augen und Sinnen durchs Leben geht. Die Musik, die die Gefühle der Zuschauer achtsam durch die Handlung trägt, ist wunderschön, facettenreich und gespickt mit unaufdringlichen Highlights, die das Herz höher schlagen lassen und ein erfülltes Durchatmen hervorrufen.

Insgesamt ein Opernabend von besonderer Qualität. Tolle Leistung von Orchester, Sängern, Regie und Chor. Sehr empfehlenswert!!!
Wohl wahr: Wahrscheinlich unverständlich für Menschen, die aus reinen Image-Gründen die Oper besuchen.

25.10.2010
12:06
Gemeinsam zur Guillotine
von Axkeys | #1

Es stellt sich mir die Frage, wie ein Spielplanverantwortlicher (heutzutage) diese Oper in dieser Inszenierung mit stolz geschwellter Brust in sein Programm heben kann. Wäre ich (43) Anfang zwanzig und neugierig auf einen ersten Opernbesuch hier gelandet, ich wäre wohl lebenslang traumatisiert und sähe das Klischee der untergehenden Kulturform Oper vollends bestätigt: Ein gänzlich unzeitgemässes, daher uninteressantes Thema, ohne aktuelle Bezüge oder Interpretationen jeglicher Art. Das eigentliche Anliegen der Protagonistin, der Grund für ihr Leid und anschliessenden Freitod, ist nicht nachvollziehbar. Die Musik eher Soundtrack für ein B-Movie, vollkommen themen- und spannungslos, stimmlich ohne Anker, optisch langweilig, müde pseudo-minimalistische Bühnenleere, schon hundertfach gesehen - kurz: keine Hochlichter irgendwo. Woran ich mich erinnere, anlässlich des Besuchs der Premiere für den Freundeskreis des Hauses (zu dem ich nicht gehöre und nach dieser Erfahrung auch nicht gehören werde) ist ein zermürbender, geradezu lachhafter Todeskampf der Priorin (wohlwollend zu unterstellende parodistische Elemente dieser armen Rolle waren wohl unfreiwillig), ein zur Pause zaghaft und verhalten einsetzender Höflichkeits-Applaus des weisshaarigen Freundeskreises um uns herum, Gedrängel an der Garderoben-Ausgabe in der Pause. So erreicht man in der Oper keine neuen Zielgruppen, verprellt die alten. Keine Vision, kein Spassfaktor, keine Modernität. Schade um die Ressourcen von Haus und Publikum.

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