Gelsenkirchen zeigt Charlotte Salomons Leben als Ballett

Ein Szenenfoto aus "Der Tod und die Malerin" am Gelsenkirchener Musiktheater.
Ein Szenenfoto aus "Der Tod und die Malerin" am Gelsenkirchener Musiktheater.
Foto: Martin Möller / FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Das Gelsenkirchener Musiktheater greift ein Schicksal des 20. Jahrhunderts auf und macht das erschütternde Leben der Charlotte Salomon zu Oper, Tanz und mehr.

Gelsenkirchen.. „Sei guten Muts! Ich bin nicht wild, sollst sanft in meinen Armen schlafen.“ So lockt der Sensenmann in Matthias Claudius‘ Gedicht „Der Tod und das Mädchen“. Unablässig umgarnt der dunkle Gevatter auch das jüdische Mädchen Charlotte Salomon zeit seines kurzen Lebens. Auf die Spuren von Charlottes Biografie setzt sich die Ballett-Oper „Der Tod und die Malerin“, die als packendes Gesamtkunstwerk eine stürmisch umjubelte Uraufführung am Gelsenkirchener Musiktheater im Revier feierte.

Ballettchefin Bridget Breiner choreografierte zur Musik der US-Komponistin Michelle DiBucci einen multimedialen, höchst sinnlichen, bildgewaltigen Reigen. In realen und surrealen Szenen orientiert sich die Produktion an der bitteren Biografie Salomons. Als Tochter einer jüdischen Arztfamilie 1917 in Berlin geboren, prägte der Tod früh ihr Leben. Mutter und Großmutter begingen Selbstmord, die Nazi-Schergen bedrohten bald darauf das Leben der Familie. Im französischen Exil schuf die junge Frau in einem kreativen Rausch ihre Biografie: 769 Bilder und Texte – das Werk „Leben? Oder Theater?“ Kurz vor ihrer Deportation nach Auschwitz, wo sie 1943 in den Gaskammern starb, übergab sie das Buch einem Arzt mit den Worten: „Heben Sie das gut auf, es ist mein ganzes Leben.“

Schmaler Steg führt ins Parkett

Ein schmaler Steg ragt weit ins Parkett hinein. Hier liegt eine glückliche Charlotte im unschuldigen Mädchenkleid, die Bühne (Jürgen Kirner) ziert eines ihrer Gemälde, eine Meereslandschaft. Kusha Alexi, die virtuos die Titelrolle tanzt, springt ins Bild hinein. Immer an ihrer Seite der Tod, den der Brite Jonathan Ollivier mit geschmeidiger Energie gibt.

Ballett Breiner choreografierte eine intensive Melange aus Tanz, Gesang, Musik und Malerei, dazu gibt es Texteinspielungen, Soundeffekte und Videoprojektionen (Philipp Contag-Lada). Masken markieren die Rollen, die wechselnde Tänzer übernehmen. Traum und Wirklichkeit fließen ineinander, Seelenzustände mischen sich mit biografischen Stationen. Dazu charakterisieren sechs ausgezeichnete Sänger des Hauses (Anke Sieloff, Michael Dahmen, Thomas Diestler, Joachim G. Maaß, Piotr Prochera, Lars-Oliver Rühl) die Figuren.

Kammerorchester zwischen Big-Band-Sound und zartem Vibrieren

Unter dem aufmerksamen Valterri Rauhalammi spielt ein Kammerorchester der Neuen Philharmonie Westfalen brillant die mal im amerikanischen Big Band-Sound tönende, mal zart vibrierende Komposition, die gespickt ist mit Motiven aus der Klassik.

Als Charlotte am Ende wieder auf dem Steg liegt, sanft umarmt vom Tod, feierte das Publikum eine höchst poetische Reizüberflutung, die in ihrer ungeheuren Komplexität den Betrachter stark fordert, will er denn alles enträtseln.

Ausstellung im Kunstmuseum Bochum

Ab 28. Februar ergänzt das Kunstmuseum Bochum die Gelsenkirchener Produktion mit einer Ausstellung von rund 250 Originalen Charlotte Salomons.