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Für Dieter Hildebrandt war die Moral nie ganz gut

29.04.2012 | 16:03 Uhr
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Für Dieter Hildebrandt war die Moral nie ganz gut
Dieter Hildebrandt. Foto: Monika Kirsch / WAZ FotoPool

Essen.   Der Kabarettist Dieter Hildebrandt wird im Mai 85 Jahre alt. Lars von der Gönna erwischte ihn vor allen Jubelreden und sprach mit dem Kabarettisten, Schauspieler und Buchautor über Milchpumpen, biologische Wunder, Franz Josef Strauß und die Piraten.

Wer ihn unverändert so sportiv wie zielsicher seine Pointen stammeln und stottern sieht, der mag nicht glauben, dass Dieter Hildebrandt ein alter Mann ist. Das bundesrepublikanische Kabarett in Person, es wird 85 Jahre alt. Macht (ihm) nichts: Schon nächste Woche steht er an Rhein und Ruhr solo auf der Bühne. Lars von der Gönna erwischte ihn vor allen Jubelreden und sprach mit Dieter Hildebrandt über Milchpumpen, biologische Wunder, Franz Josef Strauß und die Piraten.

Sie sind Jahrgang 1927. In dem Jahr wurde erstmals die Miss Germany gewählt.

Hildebrandt: Donnerwetter, wusste ich nicht. Die ist aber bestimmt nicht mehr am Leben.

Zumindest wird sie sich verändert haben.

Hildebrandt: Ich wette fast: ja.

Im Jahr Ihrer Geburt ließ außerdem der Schachspieler Edward Lasker seine Erfindung patentieren: die elektrische Muttermilchpumpe.

Hildebrandt: Ach, das freut mich aber sehr. Die hab’ ich später noch kennengelernt.

Sie werden 85. Finden Sie Geburtstage angenehm?

Hildebrandt: Och, ich werde daran erinnert, dass ich lebe - wenn ich vorher keine Notiz davon genommen habe. Ich erinnere mich an Geburtstage, an denen schöne Feiern stattgefunden haben.

Der Alkohol, der zu meinen Geburtstagen geflossen, den möchte ich einmal hingezeichnet haben, mit allen Flaschen, die geleert wurden.

Das Ergebnis?

Hildebrandt: Ich glaube, ich müsste einen größeren Platz mieten.

Sie stemmen dieser Tage wieder ein üppiges Soloprogramm in unserer Region: ein Mann von 84, zwei Stunden Vollgas. Sind Sie ein biologisches Wunder?

Hildebrandt: Ich kann dafür gar nix. Das ist ein Glücksfall. Ich hab dafür nicht besonders viel getan.


Kein Vollkornbrot, kein glykämischer Index...?

Hildebrandt: Überhaupt nicht. Es gibt überhaupt keine Rezepte dafür. Ich habe aber eine Vermutung, woher es kommt: Dass ich einfach interessiert bin, an dem was ich mache.

Sie beobachten Ihren Gegenstand seit über 60 Jahren. Es ist angesichts der Wulffs und Guttenbergs immer wieder von einem neuen Politikertypus die Rede...

Hildebrandt: Ich vergleiche das und weiß, dass wir schon früher an vielen vielen Plätzen vorbeigekommen sind, wo solche Leute ausgestellt hätten werden müssen, die die Korruption begonnen haben. Das ging ganz früh los. Es ist ein Märchen, wenn man glaubt, die Moral hätte sich verschlechtert. Die war nie ganz gut.

Wir nehmen sie nur anders wahr?

Hildebrandt: Die Fälle sind damals einfach nicht so ausgebeutet worden. Wir hatten nicht so viele Journalisten, die darauf aus waren, zu entlarven, zu enthüllen. Wir hatten auch die Springer-Schule noch nicht.


Gab es für Sie jemals eine Alternative zur Demokratie?

Hildebrandt: Für mich nicht. Die meisten Möglichkeiten haben wir ja exerziert. Die meisten habe ich selbst erlebt. Ich sehe keine andere Möglichkeit als Demokratie. Man muss halt alles in Kauf nehmen, was mit ihr passiert und welche Freiheiten es gibt. Ich denke da an einen der besten Kabarett-Titel des Jahrhunderts. Richard Rogler: „Freiheit aushalten.“

Hätten Sie gedacht, dass Sie mit 85 noch erleben, wie sich eine neue Partei formiert.

Hildebrandt: Es hat das immer wieder gegeben, die sind bloß alle schon wieder vergessen. Am rechten Rand oder in der Mitte, Freie Wähler, Steuerzahlerpartei, Autofahrerpartei. Die Piraten erlebe ich als Protestpartei, die sich auflehnt gegen die Nachteile, die sich in der Demokratie entwickelt haben. Ich fürchte aber, ihr Zugang ist zu naiv. Und die Naivität und die Politik passen leider gar nicht zusammen. Wenn sie je regieren, vermute ich, dass ihnen das schlecht bekommen wird.

Sind Comedians die Piraten der Kabarettszene?

Hildebrandt: Nein, hier entsteht ja nichts Neues durch Protest gegen etwas Altes. Hier hat eine Form der Bequemlichkeit Erfolg. Sich hinzustellen und zehn Witze zu erzählen, das ist ziemlich einfach, das ist schnelles Ankommen ganz ohne Anstrengung. Das ist eine Abart der Spaßkultur. Ist klar, dass die mehr Erfolg hat als jemand, der eine Geschichte erzählt, die vielleicht ein bisschen kompliziert ist.

Wird es mühsamer, mit solchen Geschichten Menschen zu erreichen?

Hildebrandt: Stimmt schon. Das „alte Kabarett“ setzt einen Bildungszusammenhang voraus, der mit Wissen, Interesse, Schule zu tun hat. Das lässt nach durch das, was wir an Mängeln im Erziehungswesen bemerken. Alles wird schneller, auch schneller vergessen. Als Kabarettist bin ich aber angewiesen auf Kenntnisse. Eine Pointe baut auf Wissen auf, sonst kann sie nicht überleben.

Lars von der Gönna

Kommentare
02.05.2012
16:19
Sieht Dieter Hildebrandt keine Entwicklungsperspektiven bei den Piraten?
von Jensenmann | #3

Ein eigenartiges Statement zu den Piraten. Wer Hildebrandts Auftritte kennt, kann sich schwer eine Abneigung dagegen vorstellen, daß diese sich gegen die ewigen Argumentationen von Sachzwang und Alternativlosigkeit wenden. Daß Sie die erstarrte Demokratie und die in Teilen recht verkommene Politische Klasse durcheinanderbringen und neue Lösungsansätze ohne Rücksichten auf den herrschenden Klassenauftrag und Amigos durchdenken und anstreben.

Daß die Piraten von heute nicht die sind, die in etlichen Jahren mitregieren werden, wissen die selber, deshalb will man fundierte Oppositionsarbeit machen und sich dabei weiterentwickeln. Daß das im Moment noch keine "richtige" Partei ist, sieht ein Blinder mit nem Krückstock. Aber das Potential ist enorm!

Die Frage: Glaubt Hildebrandt nicht an die Weiterentwicklung des (politischen) Menschen und sollen nur die weitermachen, die es seit 30 Jahren nicht hinkriegen? Oder wird seine Position in der Zeitung verzerrt dargestellt?

30.04.2012
11:57
sebas | #1
von dummmberger | #2

Natürlich hat D.H. kein "über-parteiisches" Kabarett gemacht. Was sollte das auch sein?

Ansonsten trügt Sie allerdings die Erinnerung. Denn er hat mit seinen Pointen auch die SPD keinesfalls geschont. Ein Querdenker wie Hildebrand kann gar nicht mit einer eher spießigen Partei wie der SPD genau auf einer Wellenlänge sein.

1 Antwort
...
von sebas | #2-1

Es mag sein, dass ich mich nicht mehr so gut erinnern kann.

Die Kohl-Ära war ja auch lang - und da stand D:H.s Liebligs-Gegner natürlich fest...

Mein subjektiver Eindruck bleibt: Pispers, Richling, Nuhr haben keinen Lieblings-Feind,
agieren Lager-unabhängiger.

30.04.2012
11:05
...
von sebas | #1

a) Im Header steht: der Autor sprach mit D.H. über ... Franz Josef- Strauss...

Im Interview ist von Strauß jedoch keine Rede - oder habe ich das überlesen?
Ist der Hinweis auf Politiker, die früher auch bereits korrupt waren, eine (versteckte) Anspielung auf Strauß?
(Dem stimme ich zu: Denn Strauß war viel "korrputer", als z.B. Wulff).

b) Nach meinem Eindruck hat D.H. kein über-parteiisches Kabarett gemacht - er war immer politisch links bzw. sozial-demokratisch - hat doch nie etwas Ernsthaftes gegen z.B. Willy Brandt gesagt... sogar für die SPD Wahlkamp gemacht.
CDU-Poitiker hat er dagegen regelrecht bekämpft.
Ein wenig mehr politische Unabhängigkeit hätte ihm gut zu Gesicht gestanden.
Denn, man solls kaum glauben: Es kommt auch mal vor, dass ein SPDler Mist baut.

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