Für die Toten sprechen – Gastbeitrag von Claude Lanzmann

Am Sonntag präsentierte Claude Lanzmann (2.v.li.) Holocaust-Dokumentation "Shoa" in der Lichtburg in Essen in Anwesenheit von Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU, Mitte). Links Lanzmanns Übersetzerin, rechts die Organisatoren Marianne Menze und Prof. Dr. Wilfried Breyvogel.
Am Sonntag präsentierte Claude Lanzmann (2.v.li.) Holocaust-Dokumentation "Shoa" in der Lichtburg in Essen in Anwesenheit von Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU, Mitte). Links Lanzmanns Übersetzerin, rechts die Organisatoren Marianne Menze und Prof. Dr. Wilfried Breyvogel.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Ein Gastbeitrag vom Regisseur des am Sonntag in Essen präsentierten Dokumentarfilms „Shoah“, zum Holocaust-Gedenktag.

Essen.. Der Film „Shoah“ beruht vollständig auf dem Fehlen von Spuren. Die Nazis wollten nicht nur die Juden vernichten, sie wollten auch noch die Vernichtung vernichten, die Spuren des Verbrechens. Das ist der irrsinnigste Vernichtungsversuch der Geschichte. Genau darüber spricht „Shoah“. Die Herausforderung kommt schon in der ersten halben Stunde zur Sprache: „Das kann man nicht erzählen; das übersteigt jede mögliche Vorstellungskraft“, sagt einer der Protagonisten des Films. Und ein anderer: „Darüber darf man nicht reden.“ Der Film zeigt das Verschwinden ebenso wie das Verschwinden der Spuren. Darauf basiert der gesamte Film. Die Zeugnisse der Männer der Sonderkommandos finden sich nur in „Shoah“, und die jüdischen Protagonisten sind sämtlich Männer dieser Sonderkommandos, denn sie sind die einzigen Zeugen des Todes ihres Volkes.

Wiedergänger, die von jenseits des Krematoriums zurückkehren

Von Anfang bis Ende entwickelt der Film sich gegen jedes Archiv. Schon weil ich nicht versucht habe, dieselben Archivaufnahmen zusammenzuschneiden, die man überall sieht, die nicht die Vernichtungslager darstellen, sondern wie die Alliierten die Konzentrationslager vorfanden, als sie sie befreiten, und die meist Leichen von Menschen zeigen, die an Typhus gestorben waren. „Shoah“ sollte keine Informationen liefern, die man in Geschichtsbüchern findet, auch wenn der Film den Historikern vieles vermittelt hat, angefangen bei den realen heutigen Orten, den realen Gesichtern und Körpern der Zeugen.

Ich habe die Idee des Unsagbaren oder Unaussprechlichen niemals akzeptiert. Ich habe niemals aufgehört, wieder zur Sprache zu verhelfen, die Menschen zum Reden zu zwingen, und das bis in die extremsten Details. Eine der Bedeutungen des Films lag für mich in der Auferstehung der Toten. Aber nicht im christlichen Sinne. Ich habe sie nicht wiederauferstehen lassen, um sie wieder lebendig zu machen, sondern um sie ein zweites Mal zu töten, damit sie nicht allein sterben, damit wir mit ihnen sterben. Es ist kein Film über das Überleben, sondern über den Tod, über die Radikalität des Todes, und die Protagonisten des Films sind die Sprachrohre der Toten. Sie sagen niemals „ich“, sie sagen „wir“. Sie erzählen nicht ihre persönliche Geschichte und wie sie überlebt haben. Sie sprechen für das ganze Volk. Für mich sind sie keine Überlebenden, sondern Wiedergänger. Sie sind Menschen, die von jenseits des Krematoriums zurückkehren. Keiner von ihnen hätte überleben sollen. Keiner.

„Shoah“ konnte deshalb nur ein Film sein, weil es eine Inkarnation ist und eine Erfahrung für den, der den Film anschaut. Zentral ist hier die Frage des Bildes. „Shoah“ liefert Bilder und Worte, gibt zu wissen und zu sehen. Wenn es in „Shoah“ Emotionen gibt, dann allenfalls zusätzlich. Ich wende mich an den Verstand. Aufklärung gegen Obskurantismus. „Selbst wenn es darum geht, vergangener Unmenschlichkeit aktuellen und zukünftigen Verstand entgegenzusetzen, beweist ,Shoah’, dass Denken nach Auschwitz möglich ist“, habe ich irgendwo gelesen. Shoah ist kein Film über den Holocaust, kein Derivat, sondern ein Urereignis.

Zwölf Jahre gearbeitet, ohne einen Namen zu haben

Diesem Ereignis hat mein Film einen Namen gegeben. Ich habe zwölf Jahre daran gearbeitet, ohne einen Namen zu haben. Ich habe den Namen erfunden, als das für die Institutionen erforderlich war. Und am Ende drängte sich mir der Name Shoah auf. Nach dem Krieg suchten Rabbiner in der Bibel und fanden diesen Ausdruck, der „Zerstörung“, „Vernichtung“ bedeutet, aber dabei kann es sich auch um eine Naturkatastrophe handeln. Offensichtlich gibt es in der Bibel kein angemessenes Wort zur Bezeichnung dieser Sache, denn sie hatte noch nie stattgefunden, und es galt, das Unbenennbare zu benennen. Wenn es möglich gewesen wäre, meinem Film keinen Namen zu geben, hätte ich ihm keinen Namen gegeben. Ich entschied mich für „Shoah“, weil ich Hebräisch weder spreche noch verstehe und folglich auch nicht wusste, was dieses Wort bedeutet. Der Name war kurz und undurchsichtig wie ein undurchdringlicher, nicht zu zerbrechender Kern. Heute bezeichnet „Shoah“ in zahlreichen Sprachen dieses besondere Ereignis.

Die Vernichtung der Juden lässt sich nicht logisch ableiten

Ich denke, die Shoah hat etwas Einzigartiges , und ihre Einzigartigkeit ist ihr Rätsel. Wie ich einmal geschrieben habe, genügt es vielleicht, die Frage möglichst einfach zu formulieren und zu fragen, warum die Juden getötet wurden. Dann tritt das Obszöne daran hinreichend zutage. Das Vorhaben des Verstehens hat selbst etwas absolut Obszönes. Nicht zu verstehen war für mich in all den Jahren der Vorarbeiten und Realisierung des Films das eherne Gesetz. Blindheit muss hier als der denkbar reinste Modus des Blicks verstanden werden, als die einzige Möglichkeit, ihn nicht von einer buchstäblich blendenden Realität abzuwenden. Welche Erklärungen auch vorgetragen worden sind: der christliche Antisemitismus, die Arbeitslosigkeit in Deutschland, die Psychoanalyse, der schlechte jüdische Arzt von Hitlers Mutter, der deutsche im Unterschied zum jüdischen Geist usw., sie alle sind, einzeln betrachtet oder zusammen, zugleich wahr und falsch, das heißt vollkommen unbefriedigend. Sie mögen die notwendige Bedingung der Vernichtung gewesen sein, waren aber nicht die hinreichende Bedingung, denn die Vernichtung der europäischen Juden lässt sich nicht logisch oder mathematisch aus diesem System von Voraussetzungen ableiten. Ich will nur dies sagen: Das Ereignis oder vielmehr die Sache ist von einer Art, die alle Gründe, die man dafür angeben könnte, unendlich weit übersteigt.

Ankämpfen gegen totes Wissen

Man hat in allen Schulen, von Albanien bis zur Ukraine, ein winzig kleines Buch mit allgemeinen Informationen über die Shoah verteilt. Gegen dieses tote Wissen müssen wir ankämpfen. Heute werden Vereinfachungen verbreitet, die äußerst lähmend wirken. Man schafft einen Gegensatz zwischen Erinnerung und Geschichte, zwischen Historikern und Zeugen: Die Zeugen werden bald tot sein, und so bleiben nur die Historiker, als einziges Fundament der Wahrheit, wie es scheint. Aber dabei vergisst man die Kunstwerke, als bildeten sie ein Hindernis für die Geschichte. Die Historiker – oder zumindest ein Teil von ihnen – entledigen sich ihrer, indem sie sie in den Himmel des Ästhetischen verweisen. Aber die wahre Weitergabe erfolgt nur über die Werke.