Fünf Klangmagier erkunden die Seele der Stille

Fünf großartige Schlagzeuger (v.l.): Klaus Bertagnolli, Slavik Stakhov, Heiko Schäfer, Oliver Hudec und  Tomislav Talevski.
Fünf großartige Schlagzeuger (v.l.): Klaus Bertagnolli, Slavik Stakhov, Heiko Schäfer, Oliver Hudec und Tomislav Talevski.
Foto: Dagmar Hesse / Theater Hagen
Was wir bereits wissen
Marimbaphon, Kuhglocke und Steeldrum spielen die Hauptrolle in Toru Takemitsus Konzert für fünf Soloschlagzeuger und Orchester. Das Philharmonische Orchester Hagen hat das Stück jetzt aufgeführt.

Hagen.. So klingt wahre Weltmusik: Weit über 100 Schlaginstrumente aus allen Kontinenten vereinen sich mit einer klassischen sinfonischen Besetzung zu einer meditativen Erkundungsreise zwischen östlicher und westlicher Kultur. Die Aufführung von Toru Takemitsus Konzert „From Me Flows What You Call Time“ für fünf Soloschlagzeuger und Orchester ist mit den Hagener Philharmonikern jetzt zu einem gefeierten künstlerischen Höhepunkt der Spielzeit geworden. Das Projekt zeigt darüber hinaus, wie gut die Philharmoniker in der NRW-Orchester-Szene vernetzt sind. Denn Musiker aus Remscheid, Hilchenbach, Essen und Bielefeld sind gerne der Einladung von Hagens Soloschlagzeuger Heiko Schäfer gefolgt, um diese überaus bemerkenswerte Komposition zu realisieren.

Das Opus beginnt mit Unerhörtem, mit Stille, dem größten Luxus unserer lärmenden Zeit. Sekundenlang steht Dirigent David Marlow einsatzbereit vor dem Orchester. Das Publikum wartet gespannt und hat anfangs sogar ein bisschen Angst vor der Lautlosigkeit, denn sogar die Klassik-Hörer sind ja inzwischen daran gewöhnt, dass ihre Aufmerksamkeit nur mit Krach gefesselt wird. Leise sakrale Geräusche schweben plötzlich durch den Raum. Ihre Quelle ist nicht sofort zu orten. Sie muten ein bisschen wie die Altarschellen der Ministranten bei der Messe an. Tatsächlich, es handelt sich um Zimbeln.

Die fünf Schlagzeuger sind in den Farben der tibetanischen Gebetsfahne gekleidet, jeder schlägt zwei der winzigen metallenen Becken in der Hand, während er langsam zum Podium schreitet. So wird der Saal zum Klangraum geweiht.

Auch ein optisches Ereignis

Normalerweise wird bei zeitgenössischen Schlagzeugkompositionen mit voller Kraft alles bedient, worauf sich nur hauen lässt, von der Bratpfanne bis zur Autofelge. Der japanische Komponist Toru Takemitsu (1930 – 1996) erforscht dagegen die Seele der unterschiedlichsten Schlaginstrumente und bringt sie also vereint zum Singen. Immer wieder klingen westliche und östliche religiöse und rituelle Motive an, verbinden sich mit Rhythmus und mit Kommunikation. Koordination und Interaktion der fünf Solisten untereinander sind auch ein optisches Ereignis; ihre Dialoge mit dem Orchester erzeugen eine ruhige, aber tief berührende Klangmagie. Zwischen den auskomponierten Partien hat Takemitsu den Schlagzeugern Luft für Improvisationen gelassen, in denen auf Klangschalen, Kuhglocken, Steeldrums, Marimba, Vibraphon, Tempelgongs, der mit dem Krummstock bespielten Talking-Drum und auf vielen weiteren Instrumenten regelrecht gezaubert wird, bis das Stück sachte wieder in Stille ausklingt. „Wie ein großes Gebet“, so hat der Komponist sein Opus beschrieben, das er 1990 wenige Jahre vor seinem Tod schrieb.

Neben Heiko Schäfer wirken die Schlagzeuger Tomislav Talevski (Essener Philharmoniker), Klaus Bertagnolli (Philharmonisches Orchester Bielefeld), Slavik Stakhov (Philharmonie Südwestfalen) und Oliver Hudec (Bergische Sinfoniker) in der „Time Percussion Group“ mit. Für die begeisterten Bravorufe bedanken sie sich mit einem atemberaubend virtuosen Trommelballett als Zugabe, das alle „Stomps“ und Co. alt aussehen lässt. Das Takemitsu-Projekt soll in Siegen, Remscheid, Bielefeld und Essen wiederholt werden.

Musikalische Jahrmarktbilder

Wenn man schon einmal so viele Schlagzeuger an Bord hat, liegt es nahe, auch Igor Strawinskys (1882 – 1971) „Petruschka“ auf das Programm zu setzen, denn diese populäre Ballettmusik schlägt neue Töne an, unter anderem durch die Bevorzugung des Motorischen als Gegenentwurf zur übersteigerten Romantik. Außerdem schätzten sich Strawinsky und Takemitsu gegenseitig sehr. Dirigent David Marlow muss mit den Philharmonikern Jahrmarktbilder beschwören, die einerseits in Collagentechnik bewusst grell und rhythmisch gestaltet sind, andererseits aber in der Verwendung von vielen volkstümlichen Melodien Emotionen entfalten. Diese Balance gelingt Marlow nicht immer perfekt. Dafür stellen die Musiker aber ihr Können klangschön unter Beweis, denn „Petruschka“ enthält viele schwierige Solostellen, die Flöte, Trompete, Klavier, Englisch Horn und Klarinette brillant meistern.