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Archäologie und Gegenwart

Pfusch am Bau - „in der Antike hat niemand so geschlampt“

20.01.2013 | 15:59 Uhr
Pfusch am Bau - „in der Antike hat niemand so geschlampt“
Schlimmes Ende in Schönefeld? Der Neubau „Willy Brandt Flughafen“ sollte viel weiter sein. Immer wieder verschiebt sich die Eröffnung.Foto: Getty Images

Wien.  Natürlich gab es vor 2000 Jahren keine Flughäfen und keine Brandschutzauflagen. Und doch staunt man, wie Brücken und Bauten so lange halten konnten, währen heute gar nicht erst etwas fertig wird. Die Archäologin Brigitte Cech kennt sich aus mit den Architekten der Antike und spricht im Interview über Vergangenheit und Gegenwart von Pfusch am Bau.

Um uns herum einstürzende Neubauten: die kenternde Elbphilharmonie, ein Hauptstadt-Airport im Sinkflug. Aber als Touristen stehen wir staunend vor Tempeln und Türmen, die seit 2000 Jahren stehen. Was haben die früher besser gekonnt, fragte Lars von der Gönna Dr. Brigitte Cech, Expertin für Bauen in der Antike.

Wackelnde Brücken, bröckelnde Tunnel. Aber die Bauwerke der Antike stehen wie eine eins. Warum, Frau Cech?

Brigitte Cech: Mit einem Satz: Die Typen haben nicht schlampig gebaut.

Ist Pfusch am Bau also eine Errungenschaft der Moderne?

Cech: Es ist sicher auch früher mal etwas schief gegangen, aber man kann schon staunen über die Gewissenhaftigkeit, die Sorgfalt, den Kenntnisreichtum von Architekten, die vor 2000 Jahren gewirkt haben. Es war halt keine Wegwerfgesellschaft. Bei Sachen wie Brücken, Wasserleitungen, öffentlichen Gebäuden hat man sich extrem bemüht, dass sie stehen und funktionieren - und zwar bleibend. In Italien gibt es einen Straßentunnel, den Kaiser Vespasian ausbauen ließ, und der heute noch befahrbar ist – hab ich auch schon gemacht.

Die Römer waren sozusagen Erfinder des Betons

Viele meinen, es sei der massive Stein, der Brücken, Tunnel und antike Bauten bis heute felsenfest stehen lässt.

Cech: Der Stein ist bei vielen Bauwerken nur die äußerliche Verkleidung. Man kannte noch keine raffinierten statischen Berechnungen, da hat man halt die Pfeiler etwas mächtiger gebaut. Dabei half das „Opus Caementitum“, ein Urahn des Betons, eine ausgeklügelte Mischung aus Mörtel, Wasser, vulkanischem Sand und verschiedenen Gesteinen als Zuschlag. Die Mauern und die Kuppel des Pantheons in Rom zum Beispiel wurden gegossen.

Was könnte man von den Architekten lernen?

Cech: Ich sag’s mal andersrum: Architekturstudenten fallen in meinen Vorlesungen fast in Ohnmacht, wenn ich aus den Lehrbüchern des berühmten Baumeisters Vitruv zitiere. Er hat als Pionierhauptmann in den Armeen Caesars und Augustus’ gedient. Nach dem Austritt aus der Armee wurde er Zivilingenieur.

„Je mehr man delegiert, desto unberechenbarer wird ein Projekt.“

Was sollte denn ein Architekt vor 2000 Jahren alles können?

Cech: Ich fasse Vitruv mal zusammen: exzellente Materialkunde, Baustile, die ganze Bandbreite der handwerklichen Aspekte der Bautechnik, alle Techniken der Innenausstattung von der Farbmischung bis zur Kunst, ein Mosaik zu gestalten. Kenntnis über das Klima, Astronomie, um eine Sonnenuhr korrekt zu konstruieren. Es kämen dann noch Militärtechnik, Geometrie, Wasserleitungsbau und die Fähigkeit, Wasserquellen aufzuspüren, hinzu…

All das haben wir heute in drei Dutzend Fachberufe aufgesplittet. Es ist sicher nötig, weil die Bauten „mehr können“, aber schleichen sich damit nicht auch Fehler ein?

Cech: Natürlich ist die antike Forderung ein Ideal, das sicher nicht immer erreicht wurde. Aber klar ist auch: Je mehr man delegiert, desto unberechenbarer wird ein Projekt. Das erleben Sie ja an aktuellen Bau-Katastrophen. Man versucht billig zu bauen, aber es wird durch schlechte Planung und liederliche Umsetzung dann viel teurer. Denen, die Aufträge vergeben, fehlt nicht selten bauliches Urteilsvermögen. Die Bautrupps kennen einander nicht mehr. Und die Verantwortlichen sind längst kaltgestellt, aber nobel abgefunden, wenn es kritisch wird.

„Geschlampt wurde früher nur bei denen, sich nicht wehren konnten.“

Was wäre denn in der Antike mit den Verursachern passiert?

Cech: Wenn einer eine Wasserleitung baut, die feierlich unter Anwesenheit hoher Magistratsbeamter und Honoratioren in Betrieb genommen wird und es kommt kein Wasser aus der Leitung, dann bedeutete das sicher kein gutes Leben für den bauleitenden Ingenieur.

Haben die alten Römer nie geschlampt?

Cech: Doch, aber bei Menschen, die sich nicht wehren konnten. Die römischen Gebäude, die regelmäßig eingestürzt sind, waren die „Insulae“: Hochhäuser zur Miete, Objekte von Spekulanten.

 

Dr. habil Brigitte Cech ist Archäologin. Die Spezialgebiete der Wienerin sind Bergbau und Verhüttung, aber auch antike Technik. Brigitte Cech ist Autorin des Buches „Technik in der Antike“, erschienen im Theiss Verlag, 256 S., 29,95€

Lars von der Gönna

Kommentare
22.01.2013
07:38
Pfusch am Bau - „in der Antike hat niemand so geschlampt“
von Otto99 | #8

Natürlich. Aber das ist kein Argument dafür, dass sie nicht eingestürzt wären. Schon mal darüber nachgedacht, wieviel Mühe es in den vergangenen...
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