Frische Brise für das „Criminale“-Festival 2015

Was wir bereits wissen
In Büsum schnupperten Schriftsteller und Fachbesucher nicht nur Nordseeluft. Der größte Krimi-Treff Europas hat ein neues Konzept bekommen.

Büsum.. Perfide Verbrechen, die die Abgründe der menschlichen Seele offenbaren, atemberaubende Politthriller, spannende Detektivgeschichten oder beklemmende Zukunftsvisionen, in denen Morde inszeniert werden: Die Ideen für ihre Krimis kommen den Schriftstellern nicht nur im stillen Kämmerlein oder bei konspirativen Treffen am lodernden Kaminfeuer (was ja doch eher ein Klischee ist). Seit 1986 bietet das Festival „Criminale“ samt Verleihung der Glauserpreise (der „Oscar“ unter den Krimipreisen) alljährlich den fachlichen Austausch untereinander. Und fürs Publikum besteht die Möglichkeit, eine Vielzahl von Lesungen bekannter Autoren zu erleben.

In vielen Landstrichen etabliert

Dieses Jahr fand der Branchentreff der deutschsprachigen Krimiautoren im Nordsee-Heilbad Büsum statt. Eine frische Brise wehte dabei nicht nur über den Deich, sondern ebenso durch die viertägige Veranstaltung. Die „Criminale“ hat ihr Gesicht verändert.

„An jedem Veranstaltungsort haben wir einen kleinen Ableger hinterlassen“, erzählt Mitorganisatorin Elke Pistor, seit 2014 Sprecherin des Syndikats, der Vereinigung der deutschsprachigen Krimiautoren. Gemeint sind jene Lese-Festivals, die sich im Laufe der Jahrzehnte durch den Erfolg der „Criminale“ in vielen Landstrichen etabliert haben. „Das kann aber auch zu einer Konkurrenzsituation führen“, sagt Pistor. Ein ganz neues Konzept musste also her, zumal immer mehr Städte dem Syndikat eine Absage erteilten, weil sie die „Criminale“ finanziell nicht stemmen können.

Pistor: „Wir haben den Anteil der Lesungen sehr reduziert. Der Fokus liegt jetzt auf Fachvorträgen und Workshops.“ So informierte etwa eine Forensikerin über die „Psychologie des Bösen“ und lieferte den Autoren Aspekte zur Figurengestaltung. Psychologie spielt auch bei der Buchcover-Gestaltung eine Rolle. Wer weiß schon, dass Grün eine Farbe ist, die sich gar nicht verkauft? Und auch Narzissen auf dem Buchtitel sind ein „No-Go“ – dieser Krimi wandert nämlich nach Ostern garantiert auf den Ramschtisch, zusammen mit den Schneegestöber-Büchern.

Blogger luden in Büsum zur Gesprächsrunde über aktuelle Kommunikationstrends ein. Ein Sprachprofiler und ein Polizeibeamter der Spurensicherung berichteten über ihre Ermittlungsmethoden, während in einer anderen Runde die Zusammenarbeit zwischen Verlagen und Autoren kontrovers diskutiert wurde.

„Ich habe dem Konzept mit den Lesungen zuerst nachgetrauert“, gesteht der Düsseldorfer Autor Horst Eckert („Schwarzlicht“) ein, „jetzt finde ich den Tagungscharakter sehr reizvoll.“ Er hörte sich den Vortrag eines Drogenfahnders über die Rauschgiftszene an – das ein oder andere wird wohl Eingang finden in seinen nächsten Roman.

Wie bei einem Klassentreffen

„Es ist schon eine gute Erweiterung dessen, was wir in den Vorjahren gemacht haben“, erklärt der Essener Reinhard Jahn (alias H.P. Karr), der die „Criminale“ einst mit aus der Taufe gehoben hat. Was zuvor quasi beim Klassentreffen in kleinen Gesprächsrunden erörtert wurde, sei nun in der Form von Workshops konzentriert. Man lerne eben auch gerne voneinander, profitiere von den Erfahrungen der anderen.

„Manchmal braucht man einfach auch ein Feedback, was geht und was nicht“, erzählt Alice Spogis, die aus Münster an die Nordseeküste gereist ist. Thriller sind das Geschäft der einstigen PR-Fachfrau und Journalistin, der richtigen Wortwahl bei erotischen Szenen ging die Kursleiterin in ihrem Workshop auf die Spur. Reflektiert wurde an anderer Stelle, ob sich Romanvorlagen auch zu Drehbüchern verarbeiten lassen. „Und wir üben uns sogar richtig im Nahkampf“, sagt Elke Pistor und schmunzelt.

Zur Entspannung genossen dann die 360 Teilnehmer gemeinsam mit Urlaubern und Einheimischen die Verleihung der Glauserpreise mit Musik und amüsanten Showeinlagen. Eine Benefizlesung (die sich zur Benefiz-Show auswuchs) mit Sebastian Fitzek („Passagier 23“) und dem Ex-BND-Agenten Leo Martin rundete das Programm ab. Im nächsten Jahr ist dann Marburg Gastgeber der „Criminale“ – in der Hoffnung auf neue Ideen für mordsmäßig spannende Stories.