"Fremdes Terrain" - Dieter Nuhr kann auch fotografieren

Dieter Nuhr mit seinen Fotos: "Fremdes Terrain" in der Galerie Obrist in Essen.
Dieter Nuhr mit seinen Fotos: "Fremdes Terrain" in der Galerie Obrist in Essen.
Foto: Sebastian Konopka
Was wir bereits wissen
Der Kabarettist, der die Fernreisen liebt, weil das so schön den Horizont erweitert, macht dabei auch Bilder. Alle ohne Menschen.

Essen.. Wer sonst oben auf dem „Satiregipfel“ steht, der muss den Blick für die Details in der Welt nicht verlieren. Der Kabarettist Dieter Nuhr schärft diesen Blick auf Reisen, die ihn durch alle Kontinente führen. Gerade erst war er zwei Wochen in Indien, letztes Jahr ging es nach Äthiopien, Myanmar, Finnland. Vier, fünf Mal im Jahr ist er in der Welt unterwegs, dann wird aus Deutschlands vielbeschäftigtem Humorarbeiter der Fotograf Nuhr.

2010 hat er seine Bilder zum ersten Mal im Museum gezeigt. Inzwischen ist so ein Nuhr sogar käuflich. In der Essener Galerie Obrist herrscht Hochbetrieb: Promifans, Satireliebhaber oder Kunstsammler? „Interessanterweise kommen auch Leute, die gar nicht wissen, was ich sonst so treibe“, will der 54-Jährige beobachtet haben. Dass Menschen seine Fotos kaufen, „die sonst auch Richter und Polke sammeln“, das findet Nuhr dann schon „schmeichelhaft“.

Fernweh und Fotokunst

„Fremdes Terrain“ nennt er seine Ausstellung:. Mannshohe Formate als Textildruck, ungemein plastisch, malerisch-brillant, hundertprozentig farbecht und waschbar dazu, wenn man sie aus dem Rahmen spannt. Diese neue Stoff-Technik hat ihn gleich fasziniert: „Das stumpfe Material widerspricht unserer Wahrnehmung von Bildern, dadurch bekommt das sowas Malerisches. Und auch etwas unglaublich Reales. Wir sind gewohnt, dass sich im Bild etwas spiegelt. Wenn nicht, sagt uns das Hirn: das ist real.“

Comedy Fernweh und Fotokunst, Hirnforschung und Himalaya, irgendwie kommt ja immer alles zusammen beim Nuhr. Allein Menschen kommen in seinen Bildern nicht vor. „Die lenken bloß ab von der Form des Bildes“, findet der gebürtige Niederrheiner. Menschen sind ja bekanntlich etwas schräg ins Leben gebaut. Seine Fotos bestehen aus Senkrechten und Waagerechten, aus Strukturen: Kachelwände, Fassaden, Mauerteile mit einem kleinen, meist entscheidenden Detail abgelichtet. Fotografierte Farbfeldmalerei mit einer Portion Zivilisationsabfall, frontal ausgeschnitten, schnörkellos und doch erhaben schön.

Einer wie er, der sonst „kaum mehr ironiefrei auf die Welt blicken kann“, will mit der Kamera nicht amüsieren oder entlarven. „Fotografie ist für mich ein ernstes Medium, ich suche nicht gleich nach dem Witz.“ Was an den Galeriewänden hängt, erinnert eher an das Fach, das er während seines Lehramt-Studiums an der Uni Essen belegt hat: Malerei.

Reisen gegen Weltfremdheit

„Lehrer“ hat er früher manchmal auch in die Einreiseformulare geschrieben. „Kabarettisten“ haben es bei Grenzbeamten im Iran und in Nordkorea traditionell ein wenig schwer. Dabei kommt Nuhr ja in rein künstlerischer Mission. Und immer zur persönlichen Horizonterweiterung.

„Ohne Reisen kann man sich kein gutes Bild der Welt machen“, findet Nuhr und wird dann doch politisch: „Ich glaube, dass unsere gesellschaftliche Diskussion von einer betrüblichen Weltfremdheit angetrieben wird.“ Wer in China oder Indien gewesen sei, der müsse sein idealisiertes Deutschlandbild einfach korrigieren. „Ohne Europa wären wir in Afrika oder Asien doch längst ein kleiner nichtiger Fleck, für den sich niemand mehr interessiert“, sagt Nuhr: „Und dann diskutiert man mit Pfeifen, die noch nie über Holland hinausgekommen sind, deutsche Außenpolitik, das ist schon deprimierend.“

Und dann muss der Satiriker aus Ratingen doch ein wenig grinsen, dass ausgerechnet er, der im letzten Jahr wegen vermeintlicher Hetze gegen den Islam verklagt worden ist, sich im arabischen Raum ganz wohl fühlt, „obwohl ich Distanz zu der Religion habe. Das kommt unserer Orient-Romantik entgegen“, erklärt Nuhr. Reisen, das ist eben Horizont- und Toleranzerweiterung. „Man lernt zu akzeptieren, dass es andere Kulturkreise gibt. Und dass man dort auch anders leben will. Das Problem ist, dass ich nicht möchte, dass die zu uns kommen, um uns zu erklären, wie wir zu leben haben.“