Das aktuelle Wetter NRW 17°C
Theater

Frauen im Krieg - Unmöglich, darüber zu sprechen

26.12.2012 | 18:59 Uhr
Frauen im Krieg - Unmöglich, darüber zu sprechen
Der Krieg hat kein weibliches Gesicht: Mareike Hein, Janina Sachau, Karin PfammatterFoto: Sebastian Hoppe

Düsseldorf.   Der Roman von Swetlana Alexijewitsch durfte erst 40 Jahre nach Kriegsende gedruckt werden: Die Autorin hatte dafür Frauen nach ihren Erlebnissen befragt. Das Düsseldorfer Theater bringt ihre Geschichten nun auf die Bühne: „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“.

„Ich bin Historikerin der Seele. Ich will Geschichten der Gefühle schreiben.“ Mit diesen Worthülsen versucht Swetlana Alexijewitsch die mürrischen Frauen zu beschwichtigen, die sie für ein Buch interviewen will. Sie sollen vom Horror des Vaterländischen Kriegs erzählen, in dem sie an der russischen Front kämpften, als Panzerkommandantin, Partisanin, Krankenschwester oder Pilotin. Doch werden die Veteraninnen, die Alexijewitsch vor ihr Mikrophon zerrt, immer misstrauischer. Sie fürchten dass ihre Kinder, wenn sie das Buch „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ lesen, in ihren Müttern keine Heldinnen mehr sehen werden. So zumindest deutet Michal Borczuch das gleichnamige Buch der Weißrussin Swetlana Alexijewitsch aus den 80er-Jahren und bringt es jetzt als einen suggestiven Theaterabend in Düsseldorf heraus.

Ihm geht es nicht um einen Geschichts-Abend mit Zeitzeugen. In beklemmenden, manchmal surrealen Bildern und mit mutigen, wandlungsfähigen Darstellerinnen beleuchtet der polnische Jungregisseur Borczuch (33) aus Krakau vielmehr die Unmöglichkeit, über die barbarischen Erlebnisse zu sprechen, geschweige denn sie zu verarbeiten. Selbst nicht 40 Jahre nach Kriegsende.

Geschichten zwischen Bombenhagel und Belagerung erzählt der Doku-Roman, der nun für die Bühne bearbeitet wurde.Foto: Sebastian Hoppe

Der Doku-Roman mit Hunderten von Interviews der heute 64-jährigen Alexijewitsch war in der damaligen Sowjetunion vom Zensor verboten und durfte erst nach Gorbatschows Perestroika gedruckt werden. Die Regie benutzt ihn aber nur als Grundlage für eine Szenen-Collage. Geschickt und effektvoll montiert von Borczuch, der demnächst mit Regiestar Patrice Chéreau in Frankreich arbeiten wird, und seinem Dramaturgen Tomasz Spiewak.

Sex, Gewalt und sibirische Kirschen

In ihrer Spielfassung werden auf leerer Bühne mit wenig Requisiten die Absurditäten der Interview-Situation vorgeführt: Die Sowjet-Heldinnen mampfen Kuchen und Pirogen mit sibirischen Kirschen, während Alexijewitsch Einzelheiten über Grausamkeit, Sex und Vergewaltigung zwischen Bombenhagel und Belagerung erfahren will. Karin Pfammatter, Elena Schmidt, Janina Sachau, Mareike Hein und Claudia Hübbecker bescheren dabei nicht nur subtile Momentaufnahmen, sondern einen tief berührenden Theaterabend.

  • Termine: 28., Dez. 2012, 8., 11., 16., 20., 30. Jan 2013.
    Tel: 0211/ 36 99 11

www.duesseldorfer-schauspielhaus.de

Michael-Georg Müller



Kommentare
Aus dem Ressort
Duisburger verkauft Statisten-Rollen in seinem Kurzfilm
Karrierestart
Nein, der Mann heißt nicht George mit Vornamen, sondern Martin, und der Nachname wird auch nicht mit C geschrieben, sondern mit K. Aber das hat ihn nicht daran gehindert, die Redaktion anzuschreiben und zu titeln „Duisburger Filmstudent sagt Hollywood den Kampf an“.
Archäologie-Schau der Superlative zeigt keltischen Salzabbau
Archäologie
Das Archäologie-Museum Herne präsentiert ab Samstag eine Schau der Superlative: "Das weiße Gold der Kelten" zeigt in einer klug reduzierten Ausstellung mit 250 Exponaten, wie im oberösterreichischen Hallstatt seit 7000 Jahren Salz abgebaut wird.
Der Ruhrpottler Klaus-Peter Wolf schreibt Ostfriesenkrimis
Regionalkrimis
Der gebürtige Gelsenkirchner Klaus-Peter Wolf "mordet" im Jahrestakt - und das in Ostfriesland. Vor elf Jahren ist der Krimiautor an die Küste gezogen und legt seither "auf jede Insel eine Leiche". Zurzeit arbeitet der Schriftsteller an seinem elften Fall für Hauptkommissarin Ann Kathrin Klaasen.
Stimmt es, dass die Sünde im Norden wohnt?
Ausstellung
Ist die Schwedin leichtlebig? Warum hat Schweden den Ruf, sexuell besonders emanzipiert zu sein? Ausgerechnet das Schnapsmuseum in der Hauptstadt Stockholm sucht jetzt nach Antworten in der bis zum 18. Januar laufenden Ausstellung "Die Schwedische Sünde".
Die Pop-Branche will mehr Geld mit Werbung verdienen
Pop
80 Künstler und Bands an 35 Spielorten: die „c/o pop convention“ ist eine unübersehbare Musikgröße in NRW geworden. Susanne Schramm sprach über Stand und Aussichten der Branche mit Ralph Christoph, der mal bei Fan-Gazetten angefangen hat und als Programmleiter heute den großen Tanker lenkt.
Umfrage
In Hagen und Berlin gab es am Dienstag Ebola-Verdachtsfälle. Beide bestätigten sich nicht. Fürchten Sie sich trotzdem vor der Krankheit?

In Hagen und Berlin gab es am Dienstag Ebola-Verdachtsfälle. Beide bestätigten sich nicht. Fürchten Sie sich trotzdem vor der Krankheit?