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Frank Goosen kehrt zurück auf die A40

15.02.2012 | 18:56 Uhr
Frank Goosen kehrt zurück auf die A40
Am Ort des Geschehens: Frank Goosen (r.) am 18. Juli 2010 bei der Sperrung der A40. Foto: Ingo Otto

Bochum.  Ab sofort im Handel: Popliterat Frank Goosen („Liegen lernen“) zeigt im neuen Roman „Sommerfest“ ein Panorama kantiger Köpfe. Ein Interview über Fußball, Liebe, Bergbau und Kultur. Und natürlich darüber, wie dies alles im Ruhrgebiet untrennbar zusammenhängt.

Vom Popliteraten zum Pott-Romancier: Frank Goosen („Liegen lernen“) zielt mit seinem neuen Roman „Sommerfest“ ins Herz des Ruhrgebiets. Die Geschichte spielt an jenem Wochenende im Juli 2010, an dem die A40 für die Massen gesperrt wurde. Es geht um eine Rückkehr, Liebe, Fußball, die Bergbauvergangenheit und die kulturelle Gegenwart der Region. Georg Howahl sprach mit Goosen im Bochumer „Tierpark’s“.

Herr Goosen, Ihr neuer Roman erzählt aus der Sicht eines Mannes, der nach Jahren zurückkommt ins Ruhrgebiet. Hat die Außenansicht geholfen, sich dem Revier unverkrampfter zu nähern?

Frank Goosen: Das musste ich nicht. Ich habe bei „Radio Heimat“ die Erfahrung gemacht, dass die Leute, die hier leben, das, was sie erleben, gerne im Buch lesen. Klischees wie etwa die Omma an der Bude kommen ja alle irgendwoher. Hier spielen sich große Teile des Lebens im Ruhrgebiet nach wie vor ab. Man findet aber auch den Historiker, der heute dort ein Museum leitet, wo früher sein Vater auf Zeche eingefahren ist. Und polnische Performancekünstler.

Und den Fußballverein . . .

Frank Goosen: Auf die Sache mit dem Fußballverein habe ich eine andere Perspektive bekommen, seit ich die E-Jugend von Arminia Bochum trainiere. Da war klar: Der Mikrokosmos Fußballverein muss unbedingt noch vorkommen.

Frank Goosen beschreibt in Sommerfest, wie die Stimmung war, damals, beim „Still-Leben“ auf der A40. Foto: Ingo Otto

Hatten Sie keine Angst, sich eventuell zu wiederholen?

Frank Goosen: In einem Roman wie „Sommerfest“ hat man die Gelegenheit, eine ausführlichere Geschichte zu erzählen, in der Figuren mit Ecken und Kanten mehr Raum bekommen – auch wenn am Rande Frauen mit Haushaltskitteln vorkommen, wie in den Kurzgeschichten von „Radio Heimat“.

Bei den Figuren in „Sommerfest“ setzt eine gewisse Bergbaumüdigkeit ein . . .

Frank Goosen: Diese Ermüdung, sich mit den eigenen Besonderheiten zu identifizieren, ist typisch fürs Ruhrgebiet. Auf diese Idee kommt in München, Sachsen oder Hamburg keiner.

Stimmt. Ich dachte neulich noch: Der Oberhausener Gasometer wäre auch in Berlin ein Magnet . . .

Frank Goosen: Da steckt das Problem. Man geht daran mit der Haltung: Was hier steht, kann man nicht irgendwo anders hinstellen, ohne sich dafür schämen zu müssen. Der Gasometer, Zollverein, die Jahrhunderthalle, Zeche Zollern, das ist ja zum Teil Weltklasse, das gibt es nirgendwo anders, nicht in Amerika, nicht in Shanghai oder sonst wo. Man hat gar keinen Grund, sich zu schämen.

Nehmen wir die kulturelle Identität nicht ernst genug?

Frank Goosen: Ich bin ja Vertreter der These, die viel intelligentere Leute als ich längst bewiesen haben, nämlich dass Kultur ein knallharter Standortfaktor ist. Für viele Unternehmen spielt Kultur neben den Lebensbedingungen eine große Rolle bei der Frage, wo sie ihre Firma hinsetzen. Es ist vielleicht nicht der ausschlaggebende Faktor, aber ein wichtiger.

Hat uns da die Kulturhauptstadt nach vorne gebracht?

Frank Goosen: Sie hat auf jeden Fall etwas bewegt. Ich sehe aber heute kritisch, dass es wieder Diskussionen über die Schließung ganzer Museen gibt und dass die Theater in Bedrängnis sind. Vor allem müssen wir die Situation der freien Kultur heute anders sehen als 2010, da ist nicht viel Nachhaltigkeit geblieben. Die Kulturhauptstadt hat es nicht geschafft, dass sich in den Köpfen der Leute die knallharte Wichtigkeit der Kultur verankert hat.

Wenn Sie im Buch etwa das Foto eines Ruhr-Familienidylls aus den 50ern beschreiben, hat man den Eindruck, Sie wollten auch eine Familiengeschichte erzählen.

Frank Goosen: Ich trage schon lange die Idee für eine große Familiengeschichte mit mir rum, die 1943 anfängt und bis in die Nuller Jahre geht. Das ist aber so eine Art Lebensaufgabe. Dieses andere Buch wird sicherlich auch irgendwann geschrieben werden. Mich hat diesmal eher das formale Element gereizt, einen Roman zu schreiben, der nur an diesem einen Wochenende spielt und ein großes Panorama an unterschiedlichen Figuren aufzeigt.

  • Frank Goosen: Sommerfest. Kiepenheuer & Witsch, 320 Seiten, 19,99 Euro; Hörbuch bei Roof: 22,95 Euro. Live-Lesungen: 28.2. Mülheim, Ringlokschuppen, 1.3. Duisburg, Steinhof, 7.3. Dortmund, F.-Henßler-Haus, 14.3. Oberhausen, Ebertbad

Georg Howahl

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2012-02-15 18:56
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