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Bayreuther Festspiele

Frank Castorfs Walküren wohnen auf einem Ölförderturm

29.07.2014 | 09:55 Uhr
Frank Castorfs Walküren wohnen auf einem Ölförderturm
Walküren auf der Ölplatfform: Frank Castorfs Inszenierung bei den Bayreuther Festspielen wurde vom Publikum stehend gefeiert.Foto: dpa/Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

Bayreuth.  Frank Castorf lässt den zweiten Teil der "Ring"-Tetralogie in einer archaisch-märchenhaften Raumlösung spielen. Das Bayreuther Publikum feiert die Sänger, allen voran Johan Botha, und Maestro Kirill Petrenko mit Beifall im Stehen.

So phantastisch haben die Walküren noch nie gewohnt. Frank Castorfs Bayreuther Inszenierung  des zweiten "Ring"-Abends bezaubert durch die ungewöhnliche Raumlösung von Aleksandar Denic. Orthodoxe Holzkirche und Ölförderturm zugleich (was historische Realität war), bietet die himmelhohe Drehbühnenkonstruktion zahlreiche Treppen und Terrassen, die zu einer archaisch-märchenhaften Spielplattform werden. Das Publikum feiert die sensationelle Sängerbesetzung und das Dirigat von Kirill Petrenko mit Beifall im Stehen. Das Regie-Team tritt im "Ring" traditionell erst nach der "Götterdämmerung" vor den Vorhang.

Wenn Johan Botha "Winterstürme weichen dem Wonnemond" anstimmt, könnte man eine Stecknadel fallen hören. Der Siegmund des Ausnahme-Tenors, der seine Karriere am Theater Hagen begann, ist ein Held mit tiefen Emotionen. Wie edelste Bronze erklingt Bothas Stimme, leuchtend, kraftvoll  und von unverwechselbar delikatem Timbre. Bronze ist auch  auch die Farbe, in der das Regieteam den ersten und zweiten Akt hält: Bronze wie glimmende Glut, wie eine Revolution kurz vor dem Ausbruch. Entsprechend korrespondierend setzt Kirill Petrenko auf die Magie des Bayreuther Blechbläserklanges, den er ebenfalls in satten  Bronzetönen modelliert.

Wolfgang Koch meistert die Riesenpartie phänomenal

Überhaupt hat Petrenko sein "Walküren"-Dirigat im Vergleich zu 2013 abgewandelt. Nun stehen nicht mehr die leisen Töne im Vordergrund, sondern eben jene schillernden, samtigen Wagner-Farben, Die "Walküre" wird im Zusammenspiel von Stimmen, Dirigat und Regie zum Nachtstück. Beim Walkürenritt hält sich der Maestro mit auftrumpfenden Gesten bewusst zurück, richtig laut werden darf das Orchester erst, wenn Wotan wütend zum Walkürenfelsen stürmt.

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Wolfgang Koch ist dieser Wotan und meistert die Riesenpartie phänomenal, weil er bei aller Kraft und allem Volumen immer noch Nuancen zeichnen kann und auch die lyrischen Passagen frei und locker kommen. Catherine Foster, die Walküre, die im vergangenen Jahr bereits nach dem zweiten Akt so ungerecht von einem Teil des Publikums ausgebuht worden war, zeigt erneut, dass man eine Brünnhilde nicht brüllen muss, sondern mit leidenschaftlicher Verve gestalten kann.

Anja Kampe als rotgolden glühende Sieglinde

Und Catherine Foster hat ebenfalls diese Nachtfarben im Timbre, die so sehr zu Herzen gehen. Anja Kampe ist dagegen eine rotgolden glühende Sieglinde, unvergleichlich im Duett mit Johan Botha, deren große Bögen weich und tragend schwingen. Diese Ensemble-Leistung sorgt für einen Gänsehaut-Moment nach dem anderen, und dadurch entsteht jener einzigartige musikalische Zauber, den man auf dieser Welt nur in der Akustik des Bayreuther Festspielhauses erleben kann.

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Castorf und Denic siedeln die "Walküre" in Baku, Aserbaidschan, an, was übersetzt Feuerland bedeutet. Hier sprudelte schon im Altertum das Öl aus der Erde, und wo sollen die Walküren wohl sonst herkommen? 

Die Geschichte ist in der Zeit von der industriellen Erschließung des schwarzen Goldes durch europäische Konsortien  über die rote Revolution bis zum zweiten Weltkrieg verortet - der Kampf um das Öl wird auf Bildschirmen als Parallelhandlung teils mit historisch angelehnten Filmzitaten eingeblendet, und es spiegelt Castorfs Sinn für bizarren Humor, wenn ausgerechnet in "Winterstürme", dem Liebeslied aller Liebeslieder, die erste Bohrung erfolgreich ist.

Monika Willer



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