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„Fräulein Julie“ von gestern

23.01.2015 | 00:11 Uhr

. Die Zeiten, in denen August Strindbergs „Fräulein Julie“ noch aufrührerisches Potenzial hatte, sind zumindest in Europa vorbei. Angesichts der heute weitaus liberaleren Moralvorstellungen wirkt dieser Klassenzweikampf einer herrschaftlichen Tochter mit einem Hausangestellten anachronistisch. Das scheint der Anziehungskraft dieses kompromisslosen Kammerspiels aber nicht zu schaden. Es ist weiterhin das Stück von August Strindberg, das am häufigsten auf deutschen Bühnen gespielt wird, und auch für Filmemacher hat es offenbar immer noch einen großen Reiz.

Nun hat sich die seit Jahren auch als Regisseurin tätige Schauspielerin Liv Ullmann dem Stück zugewandt und den Schauplatz nach Irland verlegt. Im Zentrum steht Jessica Chastain, die dem Fräulein Julie fast schon einen Zug ins Ätherische gibt. Diese junge Gräfin ringt nicht nur mit ihren Begierden, die im Widerspruch zu ihrer gesellschaftlichen Position stehen. Sie leidet viel mehr an ihrer ganzen Erscheinung. Ihre bleiche, beinahe puppenhafte Schönheit hat etwas Zerbrechliches. Sie will sich selbst und John (Colin Farrell), dem Diener ihres Vaters, beweisen, dass sie eine Frau aus Fleisch und Blut ist. Sehnsucht und Verzweiflung vermischen sich in Jessica Chastains Spiel auf überraschende Weise. Je mehr Julie die Kontrolle verliert, desto strahlender wirkt sie.

Die politischen und gesellschaftlichen Facetten des Stücks sind noch zu erkennen, aber der Film macht nichts daraus. Ullmann geht es nur um die Dynamik der Dialoge, das virtuose Hin und Her von Verführung und Verachtung. Sie schwelgt in den Verheerungen, die Moralvorstellungen des 19. Jahrhunderts ausgelöst haben. So bleibt die Geschichte am Ende ein Anachronismus.

Sascha Westphal

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2015-01-23 00:11
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