"Fräulein Julie" hat kein Aufrührer-Potenzial

Jessica Chastain als Miss Julie und Colin Farrell als John.
Jessica Chastain als Miss Julie und Colin Farrell als John.
Foto: Alamode Film
Was wir bereits wissen
Trotz Jessica Chastains schauspielerischer Leistung scheitert der Kinofilm von Liv Ullmann: Die politischen und gesellschaftlichen Facetten der Geschichte kommen zu kurz.

Die Zeiten, in denen August Strindbergs „Fräulein Julie“ noch aufrührerisches Potenzial hatte, sind zumindest in Europa vorbei. Angesichts der heute weitaus liberaleren Moralvorstellungen wirkt dieser Klassenzweikampf einer herrschaftlichen Tochter mit einem Hausangestellten anachronistisch. Das scheint der Anziehungskraft dieses kompromisslosen Kammerspiels aber nicht zu schaden. Es ist weiterhin das Stück von August Strindberg, das am häufigsten auf deutschen Bühnen gespielt wird, und auch für Filmemacher hat es offenbar immer noch einen großen Reiz.

Sehnsucht und Verzweiflung

Nun hat sich die seit Jahren auch als Regisseurin tätige Schauspielerin Liv Ullmann dem Stück zugewandt und den Schauplatz nach Irland verlegt. Das ist eine der wenigen Freiheiten, die sich diese Verfilmung nimmt. Natürlich gönnt Ullmann dem Publikum einige Ortswechsel und sogar den einen oder anderen Abstecher in den wundervollen Park, der das imposante irische Herrenhaus umgibt. Doch diese kurzen Momente unter freiem Himmel sind kaum mehr als ein kleines Zugeständnis an die Möglichkeiten des Kinos. Ansonsten bleibt Liv Ullmann sehr dicht an der Vorlage.

Schauspielerin Im Zentrum steht Jessica Chastain, die dem Fräulein Julie fast schon einen Zug ins Ätherische gibt. Diese junge Gräfin ringt nicht nur mit ihren Begierden, die im Widerspruch zu ihrer gesellschaftlichen Position stehen. Sie leidet viel mehr an ihrer ganzen Erscheinung. Ihre bleiche, beinahe puppenhafte Schönheit hat etwas Zerbrechliches. Sie will sich selbst und John (Colin Farrell), dem Diener ihres Vaters, beweisen, dass sie eine Frau aus Fleisch und Blut ist. Sehnsucht und Verzweiflung vermischen sich in Jessica Chastains Spiel auf überraschende Weise. Je mehr Julie die Kontrolle verliert, desto strahlender wirkt sie.

Erstaunlich pragmatisch

Im Vergleich zu Jessica Chastains Julie, die sich mehr in ihre eigene Vernichtung hineinsteigert, die Menschlichkeit sucht und doch nur Verderben findet, wirken John und dessen inbrünstig glaubende Verlobte, die Köchin Kathleen (Samantha Morton), erstaunlich pragmatisch. Selbst in Momenten der Wut und des Hasses halten Farrell und Morton sich noch zurück und geben sich nicht ihren Gefühlen hin. Menschen wie sie können es sich nicht leisten, nicht berechnend zu sein.

Eine bittere Erkenntnis, für die sich Liv Ullmann aber kaum interessiert. Die politischen und gesellschaftlichen Facetten des Stücks sind noch zu erkennen, aber der Film macht nichts daraus. Ullmann geht es nur um die Dynamik der Dialoge, das virtuose Hin und Her von Verführung und Verachtung. Sie schwelgt in den Verheerungen, die Moralvorstellungen des 19. Jahrhunderts ausgelöst haben. So bleibt die Geschichte am Ende ein Anachronismus.