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Foto-Weltgeschichte im Quadrat

29.01.2009 | 19:55 Uhr

Bottrop. Das Josef Albers Museum in Bottrop zeigt den Fotografen und legendären MoMA-Kurator John Szarkowski.

Ein blühende Apfelbaum, von Szarkowskis Scheune aus fotografiert: John Szarkowski: Winesap from Barn, 1997. (Foto: Estate of John Szarkowski)

Es gibt wenige Menschen, von denen sich so berechtigt sagen lässt, dass sie Fotografiegeschichte geschrieben haben. John Szarkowski (1925-2007) hat es getan als Kunstgeschichtler und Anwalt lebender Fotografen, als Ausstellungskurator und glänzender Exeget. Dass ebendieser John Szarkowski selbst ein großartiger Fotograf war, sieht man, wenn man dieser Tage die 58 Werke starke Szarkowski-Schau im Bottroper Quadrat besucht.

Mit dieser beeindruckenden Foto-Gala hat Hausherr Heinz Liesbrock die Foto-Festtage im Ruhrgebiet komplettiert: Während die Ludwig Galerie in Oberhausen mit Jim Raketes Foto-Rock´n´Roll glänzen kann und Folkwang in Essen Paul Graham auf den Schild hebt, lenkt Liesbrock den Blick auf eine Geschichte, die bis heute nachwirkt.

Die Götter des Schwarzweiß

Szarkowski, der 1962 Edward Steichen als Kurator und Chef der weltberühmten Fotoabteilung des Museums of Modern Art in New York beerbte und bis 1991 dort wirkte, gilt als der erste, der das eigenständige Potenzial des Mediums Fotografie als Teil der Kunstproduktion nicht nur erkannte, sondern in gescheiten Essays postulierte. Er hat Standardwerke der Kunstfotografie an amerikanischen Kunstschulen verfasst. Der studierte Kunsthistoriker war der erste, der im großen Museumsrahmen Fotografen vorstellte, die heute als Ikonen gelten: Schwarzweißgötter wie Diane Arbus, Lee Friedlander oder Gary Winogrand, aber auch die Farb-Revulutionäre William Egglestone und Stephen Shore. Mit seinem Kampf für die Klassiker Euge ne Atget (1857-1927) und Walker Evans (1903-1975) erwies er sich als großer Wiederentdecker und Wiedererwecker.

Wer in Bottrop vor Szarkowskis eigenen Fotografien steht, mag den kühlen Geist von Walker Evans spüren und sich womöglich an die große Walker Evans-Edward Hopper-Schau im Folkwangmuseum erinnern. Kein Zufall: Szarkowskis Weit- und Tiefenblick für die geistige, die künstlerische Dimension im kargen Dokumentarischen ist an Evans geschult - und Heinz Liesbrock war es, der einst die famose Essener Ausstellung kuratierte.

In Bottrop stellt er Szarkowski als Praktiker und loyalen Kurator vor, der sein eigenes Schaffen in dem Moment unterbrach, als er den Posten im MoMa übernahm und der sofort wieder zu fotografieren begann, als seine Dienstpflicht endete. So stehen wir in Bottrop zunächst vor frühen "freien" Fotos, die sich Guggenheim-Stipendien verdanken und dem Werk des amerikanischen Jugendstilarchitekten Louis Sullivan in Städtebildern nachforschen (1956). Strenge, unprätenziöse, detailgenaue Arbeiten sind das, während er in der Reportage "The face of Minnesota" (1958) mit weitem, klassisch geschulten Blick das einfache ländliche Alltagsleben feiert - das man durchaus als uramerikanisch konservative Polemik gegen die Hektik und Hysterie des New Yorker modern life lesen kann.

Bilder aus dem Garten

Als Pensionär steckte der Weltmann aus Wisconsin seine Kreise noch enger. Zunächst bevorzugte er Landschaftsmotive aus seiner Heimat und konzentrierte sich irgendwann auf die Bäume, Sträucher, Geräteschuppen und Licht-Schattenspiele im Garten seines Wohnsitzes in der Pampa von New York State. Diese unspektakulären, aber filigranen, licht und luftflirrenden Foto-Grafiken vom Frühling und Sommer auf dem Lande strahlen eine beinahe mystische Ruhe aus; mit ihnen gelingen Szarkowski Oden an den Ortsgeist und zugleich Hymnen auf die Schwarzweißfotografie. (NRZ) Bis zum 5. April exklusiv im Josef Albers MuseumQuadrat Bottrop. Katalogbuch 26 €.

Jörg Bartel

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